W. I. Lenin – Drei Artikel
Inhaltsverzeichnis
W. I. Lenin – Die Sowjetmacht und die Lage der Frau … S. 1
W. I. Lenin – An die Arbeiterinnen … S. 4
W. I. Lenin – Der Internationale Frauentag … S. 5
W. I. Lenin – Die Sowjetmacht und die Lage der Frau
Der zweite Jahrestag der Sowjetmacht veranlaßt uns, einen Rückblick auf das in dieser Zeit Erreichte zu werfen und uns die Bedeutung und die Ziele der vollzogenen Umwälzung zu vergegenwärtigen.
Die Bourgeoisie und ihre Anhänger beschuldigen uns der Verletzung der Demokratie. Wir aber sagen, daß der Sowjetumsturz einen bisher beispiellosen Anstoß für die Entwicklung der Demokratie sowohl in die Tiefe als auch in die Breite gegeben hat, und zwar einer Demokratie für die werktätigen und vom Kapitalismus unterdrückten Massen, folglich einer Demokratie für die überwiegende Mehrheit des Volkes, einer sozialistischen Demokratie (für die Werktätigen), zum Unterschied von der bürgerlichen Demokratie (für die Ausbeuter, für die Kapitalisten, für die Reichen).
Wer hat recht?
Diese Frage sorgfältig untersuchen und ihr auf den Grund gehen heißt aus den Erfahrungen dieser zwei Jahre lernen und sich gründlich darauf vorbereiten, sie weiter auszubauen.
Die Lage der Frau zeigt besonders sinnfällig den Unterschied zwischen bürgerlicher und sozialistischer Demokratie und beantwortet besonders anschaulich die aufgeworfene Frage.
In der bürgerlichen Republik (d. h. dort, wo das Privateigentum an Grund und Boden, an Fabriken und Werken, an Aktien usw. existiert), und sei es die demokratischste Republik, gibt es für die Frau nirgends in der Welt , in keinem noch so fort gestrittenen Lande volle Gleichberechtigung, obwohl seit der großen französischen (bürgerlich-demokratischen) Revolution mehr als eineinviertel Jahrhundert verstrichen ist.
Die bürgerliche Demokratie verspricht in Worten Gleichheit und Freiheit. In Wirklichkeit hat keine einzige , auch nicht die fortgeschrittenste bürgerliche Republik der weiblichen Hälfte des Menschengeschlechts die völlige gesetzliche Gleichstellung mit dem Mann noch auch die Freiheit von der Bevormundung und Unterdrückung durch den Mann gebracht.
Die bürgerliche Demokratie ist eine Demokratie wohlklingender Phrasen, feierlicher Worte, schwülstiger Versprechungen und lautstarker Losungen von Freiheit und Gleichheit, mit denen jedoch in Wirklichkeit die Unfreiheit und Ungleichheit der Frau, die Unfreiheit und Ungleichheit der Werktätigen und Ausgebeuteten bemäntelt wird.
Die sozialistische oder Sowjetdemokratie fegt die wohltönenden, aber verlogenen Worte hinweg und erklärt der Heuchelei der „Demokraten“, der Gutsbesitzer, Kapitalisten oder satten Bauern, die sich daran bereichern, daß sie ihre Getreideüberschüsse zu Wucherpreisen an die hungernden Arbeiter verkaufen, erbarmungslos den Krieg.
Nieder mit dieser schändlichen Lüge! „Gleichheit“ der Unterdrückten mit den Unterdrückern, der Ausgebeuteten mit den Ausbeutern kann es nicht geben, gibt es nicht und wird es niemals geben. Wahre „Freiheit“ kann es nicht geben, gibt es nicht und wird es niemals geben, solange es für die Frau keine Freiheit gegenüber den gesetzlichen Vorrechten des Mannes gibt, keine Freiheit des Arbeiters vom Joch des Kapitals, keine Freiheit des werktätigen Bauern vom Joch des Kapitalisten, des Gutsbesitzers und des Kaufmanns.
Mögen die Lügner und Heuchler, die Hohlköpfe und Blinden, die Bourgeois und ihre Anhänger mit ihrem Gerede von Freiheit überhaupt, von Gleichheit und Demokratie überhaupt das Volk zu betören suchen.
Wir sagen den Arbeitern und Bauern: Reißt den Lügnern die Maske vom Gesicht, lehrt die Blinden sehen. Fragt sie:
– Gleichheit welches Geschlechts mit welchem Geschlecht?
– Welcher Nation mit welcher Nation?
– Welcher Klasse mit welcher Klasse?
– Freiheit von welchem Joch oder vom Joch welcher Klasse? Freiheit für welche Klasse?
Wer von Politik und Demokratie, von Freiheit, Gleichheit und Sozialismus spricht, ohne diese Fragen zu stellen, ohne sie in den Vordergrund zu rücken, ohne dagegen zu kämpfen, daß sie verschwiegen, verheimlicht, vertuscht werden, der ist der schlimmste Feind der Werktätigen, der ist ein Wolf im Schafspelz, der ist der ärgste Gegner der Arbeiter und Bauern, ist ein Diener der Gutsbesitzer, Zaren und Kapitalisten.
Innerhalb von zwei Jahren hat die Sowjetmacht in einem der rückständigsten Länder Europas für die Befreiung der Frau, für ihre Gleichstellung mit dem „starken“ Geschlecht mehr getan als alle fortgeschrittenen, aufgeklärten, „demokratischen“ Republiken der ganzen Welt zusammen genommen in 130 Jahren.
Aufklärung, Kultur, Zivilisation, Freiheit- diese wohlklingenden Worte werden in allen kapitalistischen, bürgerlichen Republiken der Welt begleitet von unglaublich gemeinen, widerlich schmutzigen, tierisch brutalen Gesetzen über die rechtliche Ungleichheit der Frau, den Gesetzen über Eherecht und Ehescheidung, über die Benachteiligung des unehelichen Kindes gegenüber dem „ehelichen“, von Gesetzen, die Vorrechte für den Mann, Erniedrigungen und Demütigungen für die Frau zum Inhalt haben.
Das Joch des Kapitals, das Joch des „heiligen Privateigentums“, der aus der Engstirnigkeit des Spießbürgers, der Selbstsucht des kleinen Eigentümers entspringende Despotismus – das hat auch die demokratischsten Republiken der Bourgeoisie gehindert, diese schmutzigen und niederträchtigen Gesetze anzurühren.
Die Sowjetrepublik, die Republik der Arbeiter und Bauern, hat diese Gesetze mit einem Schlage hinweggefegt, sie hat von der bürgerlichen Lüge und der bürgerlichen Heuchelei keinen Stein auf dem anderen gelassen.
Nieder mit dieser Lüge! Nieder mit den Lügnern, die von Freiheit und Gleichheit für alle reden, solange es ein unterdrücktes Geschlecht gibt, solange es unterdrückende Klassen gibt, solange es Privateigentum an Kapital, an Aktien gibt, solange es Satte gibt, die mit ihren Getreideüberschüssen Hungrige knechten. Nicht Freiheit für alle, nicht Gleichheit für alle, sondern Kampf gegen die Unterdrücker und Ausbeuter, Beseitigung der Möglichkeit zu unterdrücken und auszubeuten. Das ist unsere Losung!
Freiheit und Gleichheit für das unterdrückte Geschlecht!
Freiheit und Gleichheit für den Arbeiter, für den werktätigen Bauern!
Kampf gegen die Unterdrücker, Kampf gegen die Kapitalisten, Kampf gegen die Schieber, die Kulaken!
Das ist unsere Kampflosung, das ist unsere proletarische Wahrheit, die Wahrheit des Kampfes gegen das Kapital, die Wahrheit, die wir der Welt des Kapitals mit ihren honigsüßen, heuchlerischen, wohltönenden Phrasen von Freiheit und Gleichheit überhaupt, von Freiheit und Gleichheit für alle, ins Gesicht geschleudert haben.
Und eben weil wir diese Heuchelei entlarvt haben, weil wir mit revolutionärer Tatkraft Freiheit und Gleichheit für die Unterdrückten und für die Werktätigen, gegen die Unterdrücker, gegen die Kapitalisten und gegen die Kulaken verwirklichen – eben deshalb ist die Sowjetmacht den Arbeitern der ganzen Welt so ans Herz gewachsen.
Eben deshalb ist am zweiten Jahrestag der Sowjetmacht in allen Ländern der Welt die Sympathie der Arbeitermassen, die Sympathie der Unterdrückten und Ausgebeuteten auf unserer Seite.
Eben deshalb sind wir am zweiten Jahrestag der Sowjetmacht trotz Hunger und Kälte, trotz aller Entbehrungen, die uns der Feldzug der Imperialisten gegen die Russische Sowjetrepublik auferlegt, erfüllt vom festen Glauben an die Gerechtigkeit unserer Sache, vom festen Glauben an den unausbleiblichen Sieg der Sowjetmacht in der ganzen Welt.
„Prawda“ Nr. 249, Nach dem Text der „ Prawda“.
6. November 1919.
Unterschrift : N. Lenin .
W. I. Lenin – An die Arbeiterinnen
Genossinnen! Die Wahlen zum Moskauer Sowjet zeigen, daß sich die Partei der Kommunisten innerhalb der Arbeiterklasse gefestigt hat.
Es ist notwendig, daß sich die Arbeiterinnen stärker an den Wahlen beteiligen. Die Sowjetmacht hat als erste und einzige Staatsmacht der Welt alle alten, bürgerlichen, niederträchtigen Gesetze, die die Rechte der Frau gegenüber dem Manne beeinträchtigen und den Männern Privilegien geben, zum Beispiel auf dem Gebiet des Eherechts oder in bezug auf die Kinder, restlos beseitigt. Die Sowjetmacht als Staatsmacht der Werktätigen hat als erste und einzige alle mit den Eigentumsverhältnissen zusammenhängenden Vorrechte des Mannes beseitigt, die im Familienrecht aller, selbst der demokratischsten bürgerlichen Republiken erhalten geblieben sind.
Wo es Gutsbesitzer, Kapitalisten und Kaufleute gibt, kann es nicht einmal vor dem Gesetz Gleichheit zwischen Mann und Frau geben.
Wo es keine Gutsbesitzer, Kapitalisten und Kaufleute gibt, wo die Staatsmacht der Werktätigen ein neues Leben ohne diese Ausbeuter aufbaut, dort besteht die gesetzliche Gleichheit zwischen Mann und Frau.
Aber das genügt nicht.
Gleichheit vor dem Gesetz ist noch nicht Gleichheit im Leben.
Die werktätige Frau muß sich nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch im Leben die Gleichberechtigung mit dem Mann erobern. Zu diesem Zweck ist es notwendig, daß die werktätigen Frauen immer stärker an der Verwaltung der öffentlichen Einrichtungen und an der Verwaltung des Staates mitwirken.
Durch diese Mitarbeit werden die Frauen ihre Kenntnisse rasch erweitern und die Männer einholen.
Wählt also mehr werktätige Frauen in den Sowjet, Kommunistinnen und Parteilose. Mag es auch eine parteilose Arbeiterin sein, wenn sie nur ehrlich ist und mit Verstand und gewissenhaft zu arbeiten versteht – wählt sie in den Moskauer Sowjet!
Mehr werktätige Frauen in den Moskauer Sowjet! Möge das Moskauer Proletariat zeigen, daß es alles für den Kampf bis zum Sieg, für den Kampf gegen die alte rechtliche Ungleichheit, gegen die alte bürgerliche Erniedrigung der Frau zu tun bereit ist und alles hierfür tut!
Das Proletariat kann sich nicht endgültig befreien, ohne für die völlige Befreiung der Frauen zu kämpfen.
21. Februar 1920 N.Lenin
„Prawda“ Nr. 40, Nach dem Text der „Prawda“.
22. Februar 1920.
W. I. Lenin – Der Internationale Frauentag
Das Hauptsächliche, das Grundlegende im Bolsdiewismus und in der russischen Oktoberrevolution ist, daß gerade diejenigen in die Politik einbezogeri werden, die unter, dem Kapitalismus am meisten unterdrückt waren. Sie wurden- von den Kapitalisten niedergehalten, betrogen und ausgeplündert, unter der -Monarchie ebenso wie in den bürgerlich-demokratischen Republiken. Diese Unterdrückung, dieser Betrug, diese Ausplünderung der Volksarbeit, durch die Kapitalisten waren unvermeidlich, solange das Privateigentum am Grund und Boden, an den Fabriken und Werken aufrechterhalten blieb. . .
Das Wesen des Bolschewismus, das Wesen der Sowjetmacht besteht darin, die Lüge und Heuchelei der bürgerlichen Demokratie zu entlarven, das Privateigentum am Grund und Boden, an den Fabriken und Werken aufzuheben und die gesamte Staatsmacht in den Händen der werktätigen und ausgebeuteten Massen zu konzentrieren. Sie selber, diese Massen, nehmen die Politik, das heißt das Werk des Aufbaus der neuen Gesellschaft, in ihre Hände. Es ist ein schwieriges Werk, die Massen sind durch den Kapitalismus geduckt und niedergehalten, aber einen anderen Ausweg aus der Lohnsklaverei, aus der kapitalistischen Knechtschaft gibt es nicht und kann es nicht geben.
Man kann aber nicht die Massen in die Politik einbeziehen, ohne die Frauen in die Politik einzubeziehen. Denn die weibliche Hälfte des Menschengeschlechts ist unter dem Kapitalismus doppelt unterdrückt. Die Arbeiterin und die Bäuerin werden vom Kapital unterdrückt und bleiben darüber hinaus selbst in den allerdemokratischten bürgerlichen Republiken erstens nicht gleichberechtigt, denn das Gesetz gewährt ihnen kein gleiches Recht mit dem Mann; zweitens – und das ist die Hauptsach- verbleiben sie in der „häuslichen Sklaverei“, bleiben sie „Hausslkavinnen“, weil sie durch die gröbste, schwerste, den Menschen am meisten abstumpfende Arbeit, die Kleinarbeit in der Küche und überhaupt im vereinzelten Familienhaushalt niedergedrückt werden.
Die bolschewistische, die sowjetische Revolution legt die Axt so tief an die Wurzeln der Unterdrückung und Ungleichheit der Frauen, wie keine Partei und keine Revolution auf der Welt es je gewagt haben. Von der gesetzlichen Ungleichheit zwischen Mann und Frau ist bei uns, in Sowjetrußland, auch nicht eine Spur übriggeblieben. Die besonders niederträchtige, gemeine, heuchlerische Ungleichheit im Ehe- und Familienrecht, die Ungleichheit in bezug auf das Kind ist durch die Sowjetmacht vollständig aufgehoben worden.
Das ist nur der erste Schritt zur Befreiung der Frau. Aber keine einzige der bürgerlichen, auch der allerdemokratischsten Republiken hat auch nur diesen ersten Schritt zu tun gewagt. Sie haben es aus Furcht vor dem „heiligen Privateigentum“ nicht gewagt.
Der zweite und wichtigste Schritt ist die Abschaffung des Privateigentums am Grund und Boden, an den Fabriken und Werken. Dadurch und nur dadurch wird die Bahn frei gemacht für die vollständige und tatsächliche Befreiung der Frau, für ihre Befreiung von der „häuslichen Sklaverei“ durch den Übergang vom vereinzelten Kleinhaushalt zum vergesellschafteten Großhaushalt.
Dieser Übergang ist schwierig, denn es handelt sich hier um die Umgestaltung einer zutiefst eingewurzelten, gewohnten, erstarrten, verknöcherten „Ordnung“ (in Wahrheit eines ungeheuerlichen und barbarischen Zustands und nicht einer „Ordnung“). Aber dieser Übergang hat begonnen, das Werk ist in Angriff genommen, den neuen Weg haben wir beschritten.
Und am Internationalen Frauentag werden in allen Ländern der Welt aus unzähligen Versammlungen von Arbeiterinnen Grüße nach Sowjetrußland fliegen, das das unerhört schwierige und mühselige, aber große, welthistorisch große und wahrhafte Befreiungswerk begonnen hat. Es werden mutige Rufe erklingen, angesichts der wütenden und oft bestialischen bürgerlichen Reaktion nicht den Mut zu verlieren. Je „freier“ oder „demokratischer“ ein bürgerliches Land ist, um so mehr tobt und wütet die Bande der Kapitalisten gegen die Revolution der Arbeiter; ein Beispiel dafür ist die demokratische Republik der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Doch der Arbeiter ist in seiner Masse bereits erwacht. Der imperialistische Krieg hat die schlummernden, dahindämmernden, trägen Massen in Amerika wie in Europa und auch im rückständigen Asien endgültig wachgerüttelt.
Das Eis ist an allen Ecken und Enden der Welt gebrochen.
Die Befreiung der Völker vom Joch des Imperialismus, die Befreiung der Arbeiter und Arbeiterinnen vom Joch des Kapitals geht unaufhaltsam vorwärts. Dieses Werk wird von Millionen und aber Millionen Arbeitern und Arbeiterinnen, Bauern und Bäuerinnen vorwärtsgetragen. Und darum wird dieses Werk der Befreiung der Arbeit vom Joch des Kapitals in der ganzen Welt siegen.
4. III. 1921
Veröffentlicht am 8. März 1921 in der Nach dem Text der Beilage.
Beilage zu 51. der „ Prawd“
Unterschrift: N. Lenin.
Bearbeitungshinweis
Oben stehender Texte wurden aus frei zugänglichen Onlinequellen mit den Buchausgaben: „Lenin Werke Band 30 1. Auflage 1961, S 104-107 und S. 363-364 Dietz Verlag Berlin“ und „Lenin Werke Band 32 2. Auflage 1963, S. 159-161 Dietz Verlag Berlin“ abgeglichen. Hervorhebungen, Fußnoten und erläuternde Ergänzungen haben wir stillschweigend übernommen. Wir können trotz besten Wissens und Gewissens keine Gewähr übernehmen. Wir halten es trotzdem für wichtig, niederschwellige und thematisch ausgewählte Klassikertexte zum Selbstdruck und -verbreitung zur Verfügung zu stellen.
„Unsere Theorie ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln.“ – Engels
