Inhaltsverzeichnis
VI. Sollen Revolutionäre in den reaktionären Gewerkschaften arbeiten?
VII. Soll man sich an den bürgerlichen Parlamenten beteiligen?
VI. Sollen Revolutionäre in den reaktionären Gewerkschaften arbeiten?
Die deutschen „Linken“ betrachten es für sich als entschieden, daß diese Frage unbedingt verneinend zu beantworten ist. Ihrer Meinung nach genügen Deklamationen und zornige Ausrufe gegen die „reaktionären“ und „konterrevolutionären“ Gewerkschaften (besonders „solid“ und besonders dumm macht das K. Horner), um „zu beweisen“, daß Revolutionäre, daß Kommunisten in den gelben, sozialchauvinistischen, paktiererischen, Legienschen, konterrevolutionären Gewerkschaften nicht zu arbeiten brauchen, ja sogar nicht arbeiten dürfen.
Wie sehr die deutschen „Linken“ aber auch überzeugt sein mögen, daß diese Taktik revolutionär sei, in Wirklichkeit ist sie grundfalsch und enthält nichts als hohle Phrasen.
Um das klarzumachen, will ich mit der von uns gemachten Erfahrung beginnen – entsprechend dem allgemeinen Plan der vorliegenden Schrift, die den Zweck hat, auf Westeuropa das anzuwenden, was in der Geschichte und der heutigen Taktik des Bolschewismus allgemein anwendbar, von allgemeiner Bedeutung und allgemeiner Gültigkeit ist.
Das Verhältnis zwischen Führer, Partei, Klasse und Masse und damit zugleich das Verhältnis der Diktatur des Proletariats und seiner Partei zu den Gewerkschaften hat bei uns jetzt konkret folgende Form angenommen: Die Diktatur wird durch das in den Sowjets organisierte Proletariat verwirklicht, dessen Führer die Kommunistische Partei der Bolschewiki ist, die nach den Angaben des letzten Parteitags (April 1920) 611.000 Mitglieder zählt. Die Zahl der Mitglieder schwankte sowohl vor als auch nach der Oktoberrevolution sehr stark und war früher, sogar in den Jahren 1918 und 1919, viel geringer1. Wir fürchten eine übermäßige Ausdehnung der Partei, denn in eine Regierungspartei versuchen sich unvermeidlich Karrieristen und Gauner einzuschleichen, die nur verdienen, erschossen zu werden. Das letztemal haben wir – nur für Arbeiter und Bauern – die Tore der Partei weit geöffnet, als (im Winter 1919) Judenitsch wenige Werst vor Petrograd und Denikin in Oriol (etwa 350 Werst von Moskau) stand, d.h. als der Sowjetrepublik höchste, tödliche Gefahr drohte und als Abenteurer, Karrieristen, Gauner und überhaupt unsichere Elemente keineswegs auf eine gute Karriere (eher auf Galgen und Folter) rechnen konnten, wenn sie sich den Kommunisten anschlossen. Die Partei, die alljährlich ihre Parteitage abhält (bei dem letzten entfiel auf 1.000 Mitglieder 1 Delegierter), wird vom Zentralkomitee geleitet, das aus 19 Personen besteht und auf dem Parteitag gewählt wird; die laufende Arbeit in Moskau wird von noch engeren Kollegien geleistet, dem sogenannten „Orgbüro“ (Organisationsbüro) und dem sogenannten „Politbüro“ (Politischen Büro), die aus je fünf Mitgliedern des Zentralkomitees bestehen und in Plenarsitzungen des Zentralkomitees gewählt werden. Hier haben wir also eine regelrechte „Oligarchie“. Keine einzige wichtige politische oder organisatorische Frage wird in unserer Republik von irgendeiner staatlichen Institution ohne Direktiven des Zentralkomitees unserer Partei entschieden.
Die Partei stützt sich bei ihrer Arbeit unmittelbar auf die Gewerkschaften, die nach den Angaben des letzten Kongresses (April 1920) gegenwärtig über 4 Millionen Mitglieder zählen und der Form nach parteilos sind. Faktisch bestehen alle leitenden Körperschaften der weitaus meisten Verbände und in erster Linie natürlich der Zentrale oder des Büros aller Gewerkschaften ganz Rußlands (WZSPS – Gesamtrussischer Zentralrat der Gewerkschaften) aus Kommunisten und führen alle Direktiven der Partei durch. Im großen und ganzen haben wir also einen der Form nach nicht kommunistischen, elastischen und verhältnismäßig umfassenden, überaus mächtigen proletarischen Apparat, durch den die Partei mit der KIasse und der Masse eng verbunden ist und durch den, unter Führung der Partei, die Diktatur der Klasse verwirklicht wird. Ohne die engste Verbindung mit den Gewerkschaften, ohne ihre tatkräftige Unterstützung, ohne ihre selbstlose Arbeit beim Aufbau nicht nur der Wirtschaft, sondern auch der Armee, hätten wir das Land selbstverständlich keine 2½ Monate, geschweige denn 2½ Jahre regieren und die Diktatur ausüben können. Diese überaus enge Verbindung bedeutet natürlich in der Praxis eine sehr komplizierte und mannigfaltige Arbeit der Propaganda, der Agitation, der rechtzeitigen und häufigen Beratungen nicht nur mit den leitenden, sondern überhaupt mit den einflußreichen Gewerkschaftlern und einen entschiedenen Kampf gegen die Menschewiki, die bis jetzt über eine gewisse, wenn auch ganz geringe Zahl von Anhängern verfügen, die sie zu allen möglichen konterrevolutionären Machenschaften anleiten – von der ideologischen Verteidigung der (bürgerlichen) Demokratie, dem Predigen der „Unabhängigkeit“ der Gewerkschaften (Unabhängigkeit – von der proletarischen Staatsmacht!) bis zur Sabotage der proletarischen Disziplin usw. usf.
Die Verbindung mit den „Massen“ vermittels der Gewerkschaften halten wir für ungenügend. Die Praxis hat bei uns, im Laufe der Revolution, eine solche Institution hervorgebracht wie die Konferenzen parteiloser Arbeiter und Bauern, die wir auf jede Art und Weise zu unterstützen, zu entwickeln und zu erweitern bemüht sind, um die Stimmung der Massen zu verfolgen, um an die Massen näher heranzukommen und ihren Anforderungen zu entsprechen, um aus ihrer Mitte die besten Kräfte auf Staatsposten aufrücken zu lassen usw. In einem der letzten Dekrete über die Umwandlung des Volkskommissariats für Staatliche Kontrolle in die „Arbeiter- und Bauerninspektion“ wird diesen Konferenzen von Parteilosen das Recht eingeräumt, Mitglieder der Staatlichen Kontrolle für Revisionen verschiedener Art zu wählen usw.
Ferner erfolgt selbstverständlich die ganze Arbeit der Partei vermittels der Sowjets, die die werktätigen Massen ohne Unterschied des Berufs vereinigen. Die Kreistagungen der Sowjets sind eine solche demokratische Einrichtung, wie sie die besten demokratischen Republiken der bürgerlichen Welt noch nicht gekannt haben. Durch diese Tagungen (welche die Partei so aufmerksam wie nur möglich zu verfolgen bemüht ist) wie auch durch ständige Abkommandierung klassenbewußter Arbeiter auf verschiedene Posten im Dorf wird die führende Rolle des Proletariats gegenüber der Bauernschaft verwirklicht, wird die Diktatur des städtischen Proletariats verwirklicht, wird der systematische Kampf gegen die reiche, bourgeoise, ausbeutende und spekulierende Bauernschaft geführt usw.
So sieht der allgemeine Mechanismus der proletarischen Staatsmacht aus, wenn man ihn „von oben“, vom Standpunkt der praktischen Verwirklichung der Diktatur betrachtet. Der Leser wird hoffentlich verstehen, warum dem russischen Bolschewik, der mit diesem Mechanismus vertraut ist und der beobachtet hat, wie sich dieser Mechanismus im Laufe von 25 Jahren aus kleinen, illegalen, unterirdischen Zirkeln entwickelte, das ganze Gerede, ob „von oben“ oder „von unten“, ob Diktatur der Führer oder Diktatur der Massen usw., als lächerlicher, kindischer Unsinn erscheinen muß, als eine Art Streit darüber, ob dem Menschen der linke Fuß oder die rechte Hand nützlicher ist.
Als ein ebenso lächerlicher, kindischer Unsinn muß uns auch das wichtigtuerische, überaus gelehrte und furchtbar revolutionäre Gerede der deutschen Linken über das Thema erscheinen, daß die Kommunisten in den reaktionären Gewerkschaften nicht arbeiten können und nicht arbeiten dürfen, daß es statthaft sei, diese Arbeit abzulehnen, daß man aus den Gewerkschaften austreten und unbedingt eine nagelneue, blitzsaubere, von sehr netten (und meistens wohl sehr jungen) Kommunisten ausgeheckte „Arbeiter-Union“ schaffen müsse usw. usf.
Der Kapitalismus hinterläßt dem Sozialismus unvermeidlich einerseits die alten, in Jahrhunderten herausgebildeten beruflichen und gewerblichen Unterschiede zwischen den Arbeitern und anderseits die Gewerkschaften. Diese können und werden sich nur sehr langsam, im Laufe vieler Jahre zu breiteren, weniger zünftlerischen Produktionsverbänden (die ganze Produktionszweige und nicht nur einzelne Branchen, Gewerbe und Berufe umfassen) entwickeln und erst dann dazu übergehen, vermittels dieser Produktionsverbände die Arbeitsteilung unter den Menschen aufzuheben und allseitig entwickelte und allseitig geschulte Menschen, die alles machen können, zu erziehen, zu unterweisen und heranzubilden. Dahin steuert der Kommunismus, dahin muß und wird er gelangen, aber erst nach einer langen Reihe von Jahren. Der Versuch, heute dieses künftige Ergebnis des vollkommen entwickelten, vollkommen gefestigten und herausgebildeten, vollkommen entfalteten und reifen Kommunismus praktisch vorwegzunehmen, wäre gleichbedeutend damit, einem vierjährigen Kind höhere Mathematik beibringen zu wollen.
Wir können (und müssen) beginnen, den Sozialismus aufzubauen, und zwar nicht aus einem phantastischen und nicht aus einem von uns speziell geschaffenen Menschenmaterial, sondern aus dem Material, das uns der Kapitalismus als Erbteil hinterlassen hat. Das ist sehr „schwer“, wer will es leugnen, aber jedes andere Herangehen an diese Aufgabe ist so wenig ernst, daß es gar nicht lohnt, davon zu reden.
Zu Beginn der Entwicklung des Kapitalismus bedeuteten die Gewerkschaften als Übergang von der Zersplitterung und Hilflosigkeit der Arbeiter zu den Anfängen einer Klassenvereinigung einen riesigen Fortschritt der Arbeiterklasse. Als die höchste Form der Klassenvereinigung der Proletarier, die revolutionäre Partei des Proletariats (die ihren Namen nicht verdient, solange sie es nicht gelernt hat, die Führer mit der Klasse und mit den Massen zu einem Ganzen, zu etwas Untrennbarem zu verbinden), sich herauszubilden anfing, da begannen die Gewerkschaften unvermeidlich gewisse reaktionäre Züge zu offenbaren, eine gewisse zünftlerische Beschränktheit, eine gewisse Neigung zur politischen Indifferenz, eine gewisse Stagnation usw. Aber anders als vermittels der Gewerkschaften, anders als durch ihr Zusammenwirken mit der Partei der Arbeiterklasse ging die Entwicklung des Proletariats nirgendwo in der Welt vor sich und konnte auch nicht vor sich gehen. Die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat bedeutet für das Proletariat als Klasse einen riesigen Schritt vorwärts, und die Partei muß noch mehr und auf neue, nicht nur auf alte Art die Gewerkschaften erziehen und leiten, darf aber gleichzeitig nicht vergessen, daß sie eine unentbehrliche „Schule des Kommunismus“ sind und noch lange bleiben werden, eine Vorbereitungsschule für die Proletarier zur Verwirklichung ihrer Diktatur, eine unentbehrliche Vereinigung der Arbeiter für den allmählichen Übergang der Verwaltung der gesamten Wirtschaft des Landes in die Hände der Arbeiterklasse (aber nicht einzelner Berufszweige) und sodann aller Werktätigen.
Im erwähnten Sinne sind gewisse „reaktionäre Züge“ der Gewerkschaften unter der Diktatur des Proletariats unvermeidlich. Wer das nicht begreift, versteht absolut nichts von den grundlegenden Bedingungen des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. Fürchtet man diese „reaktionären Züge“, sucht man sie zu ignorieren, sie zu überspringen, so ist das die größte Dummheit, denn das bedeutet, vor der Rolle der proletarischen Avantgarde zurückzuschrecken, die darin besteht, daß sie die rückständigsten Schichten und Massen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft schult, aufklärt, erzieht und dem neuen Leben zuführt. Anderseits wäre es ein noch größerer Fehler, die Verwirklichung der Diktatur des Proletariats so lange aufzuschieben, bis es keinen einzigen Arbeiter mehr gibt, der beruflich beschränkt ist, der zünftlerische und trade-unionistische Vorurteile hat. Die Kunst des Politikers (und das richtige Verständnis des Kommunisten für seine Aufgaben) besteht eben darin, die Bedingungen und den Zeitpunkt richtig einzuschätzen, wo die Avantgarde des Proletariats die Macht mit Erfolg ergreifen kann, damit sie während und nach der Machtergreifung auf eine ausreichende Unterstützung genügend breiter Schichten der Arbeiterklasse und der nichtproletarischen werktätigen Massen rechnen kann, wo sie nach der Machtergreifung ihre Herrschaft dadurch behaupten, festigen und erweitern kann, daß sie immer breitere Massen der Werktätigen erzieht, schult und mitreißt.
Weiter. In Ländern, die fortgeschrittener sind als Rußland, hat sich, und das mußte so sein, ein gewisser reaktionärer Geist in den Gewerkschaften zweifellos viel stärker geltend gemacht als bei uns. Gerade wegen der zünftlerischen Beschränktheit, des beruflichen Egoismus und des Opportunismus hatten die Menschewiki bei uns eine Stütze in den Gewerkschaften (und haben sie zum Teil in ganz wenigen Gewerkschaften auch heute noch). Im Westen haben sich die dortigen Menschewiki in den Gewerkschaften viel mehr „festgesetzt“, dort hat sich eine viel stärkere Schicht einer beruflich beschränkten, bornierten, selbstsüchtigen, verknöcherten, eigennützigen, spießbürgerlichen, imperialistisch gesinnten und vom Imperialismus bestochenen, vom Imperialismus demoralisierten „Arbeiteraristokratie“ herausgebildet als bei uns. Das ist unbestreitbar. Der Kampf mit den Gompers, den Herren Jouhaux, Henderson, Merrheim, Legien und Co. in Westeuropa ist weit schwieriger als der Kampf mit unseren Menschewiki, die sozial und politisch einen völlig gleichartigen Typus darstellen. Dieser Kampf muß rücksichtslos und, so wie wir es getan haben, unbedingt bis zu Ende geführt werden, bis zur völligen Diskreditierung aller unverbesserlichen Führer des Opportunismus und Sozialchauvinismus und ihrer Vertreibung aus den Gewerkschaften. Man kann die politische Macht nicht erobern (und soll nicht versuchen, die politische Macht zu ergreifen), solange dieser Kampf nicht eine gewisse Stufe erreicht hat, wobei diese „gewisse Stufe“ in den verschiedenen Ländern und unter den verschiedenen Verhältnissen nicht die gleiche ist; und sie richtig abschätzen können nur kluge, erfahrene und sachkundige politische Führer des Proletariats jedes einzelnen Landes. (Bei uns waren ein Maßstab für den Erfolg in diesem Kampf unter anderem die Wahlen zur Konstituierenden Versammlung, die im November 1917, wenige Tage nach der proletarischen Umwälzung vom 25.10.1917, stattfanden. Bei diesen Wahlen wurden die Menschewiki aufs Haupt geschlagen. Sie erhielten 0,7 Millionen Stimmen – zusammen mit Transkaukasien 1,4 Millionen – gegenüber 9 Millionen Stimmen, die für die Bolschewiki abgegeben wurden: Siehe meinen Artikel: „Die Wahlen zur Konstituierenden Versammlung und die Diktatur des Proletariats“2 in Nr.7/8 der Kommunistischen Internationale.)
Doch den Kampf gegen die „Arbeiteraristokratie“ führen wir im Namen der Arbeitermassen und um sie für uns zu gewinnen; den Kampf gegen die opportunistischen und sozialchauvinistischen Führer führen wir, um die Arbeiterklasse für uns zu gewinnen. Diese höchst elementare und ganz augenfällige Wahrheit zu vergessen wäre eine Dummheit. Und gerade diese Dummheit begehen die „linken“ deutschen Kommunisten, die aus der Tatsache, daß die Spitzen der Gewerkschaften reaktionär und konterrevolutionär sind, den Schluß ziehen, daß man … aus den Gewerkschaften austreten!!, die Arbeit in den Gewerkschaften ablehnen!! und neue, ausgeklügelte Formen von Arbeiterorganisationen schaffen müsse!! Das ist eine so unverzeihliche Dummheit, daß sie dem größten Dienst gleichkommt, den Kommunisten der Bourgeoisie erweisen können. Denn unsere Menschewiki sind wie alle opportunistischen, sozialchauvinistischen und kautskyanischen Führer der Gewerkschaften nichts anderes als „Agenten der Bourgeoisie in der Arbeiterbewegung“ (was wir immer von den Menschewiki gesagt haben) oder, nach dem ausgezeichneten und zutiefst wahren Ausdruck der Anhänger Daniel de Leons in Amerika, „Arbeiterkommis der Kapitalistenklasse“ (Labor lieutenants of the capitalist class). „Nicht in den reaktionären Gewerkschaften arbeiten heißt die ungenügend entwickelten oder rückständigen Arbeitermassen dem Einfluß der reaktionären Führer, der Agenten der Bourgeoisie, der Arbeiteraristokraten oder der verbürgerten Arbeiter“ (vgl. Engels’ Brief von 1858 an Marx über die englischen Arbeiter3 überlassen.
Gerade die absurde „Theorie“, wonach sich die Kommunisten an den reaktionären Gewerkschaften nicht beteiligen dürfen, zeigt am deutlichsten, wie leichtfertig sich diese „linken“ Kommunisten zur Frage der Beeinflussung der „Massen“ verhalten und wie sie mit ihrem Geschrei von den „Massen“ Mißbrauch treiben. Will man der „Masse“ helfen und sich die Sympathien, die Zuneigung, die Unterstützung der „Masse“ erwerben, so darf man sich nicht fürchten vor Schwierigkeiten, darf man sich nicht fürchten vor den Schikanen, den Fußangeln, den Beleidigungen und Verfolgungen seitens der „Führer“ (die als Opportunisten und Sozialchauvinisten in den meisten Fällen direkt oder indirekt mit der Bourgeoisie und der Polizei in Verbindung stehen) und muß unbedingt dort arbeiten, wo die Massen sind. Man muß jedes Opfer bringen und die größten Hindernisse überwinden können, um systematisch, hartnäckig, beharrlich, geduldig gerade in allen denjenigen – und seien es auch die reaktionärsten Einrichtungen, Vereinen und Verbänden Propaganda und Agitation zu treiben, in denen es proletarische oder halbproletarische Massen gibt. Die Gewerkschaften und die Arbeitergenossenschaften (diese wenigstens mitunter) sind aber gerade Organisationen, die Massen erfassen. In England hat sich nach den Angaben der schwedischen Zeitung „Folkets Dafblad-Politiken“ (vom 10.3.1920) die Mitgliederzahl der Trade-Unions von Ende 1917 bis Ende 1918 von 5,5 auf 6,6 Millionen, d.h. um 19 Prozent erhöht. Ende 1919 schätzte man die Mitgliederzahl auf 7,5 Millionen. Ich habe die entsprechenden Zahlen über Frankreich und Deutschland nicht zur Hand, aber die Tatsachen, die von einem starken Anwachsen der Mitgliederzahl der Gewerkschaften auch in diesen Ländern zeugen, sind ganz unbestreitbar und allgemein bekannt.
Diese Tatsachen beweisen sonnenklar, was auch durch Tausende anderer Anzeichen bestätigt wird: Gerade in den proletarischen Massen, den „unteren Schichten“, unter den Rückständigen, nimmt das Klassenbewußtsein und das Streben nach Organisation zu. Millionen von Arbeitern in England, Frankreich, Deutschland gehen zum erstenmal von der vollständigen Unorganisiertheit zur elementaren, untersten, einfachsten (für diejenigen, die noch durch und durch von bürgerlich-demokratischen Vorurteilen erfüllt sind), zugänglichsten Organisationsform, nämlich zu den Gewerkschaften über, während die revolutionären, jedoch unvernünftigen linken Kommunisten danebenstehen, „Masse! Masse!“ schreien – und sich weigern, innerhalb der Gewerkschaften zu arbeiten!! Sie tun das unter dem Vorwand, die Gewerkschaften seien „reaktionär“!!, und klügeln eine nagelneue, blitzsaubere „Arbeiter-Union“ aus, die unbefleckt ist von bürgerlich-demokratischen Vorurteilen und frei von den Sünden zünftlerischer, eng beruflicher Beschränktheit, eine „Arbeiter-Union“, die angeblich eine Massenorganisation werden (werden!) soll und die als Aufnahmebedingung nur (nur!) die „Anerkennung des Rätesystems und der Diktatur“ (siehe die oben angeführte Stelle) fordert!!
Einen schlimmeren Unverstand, einen größeren Schaden für die Revolution, als ihn die „linken“ Revolutionäre anrichten, kann man sich gar nicht ausdenken! Wenn wir jetzt in Rußland, nach 2½ Jahren unvergleichlicher Siege über die Bourgeoisie Rußlands und der Entente, die „Anerkennung der Diktatur“ zur Bedingung für den Eintritt in die Gewerkschaften machen wollten, so würden wir eine Dummheit begehen, unserem Einfluß auf die Massen Abbruch tun und den Menschewiki Vorschub leisten. Denn die ganze Aufgabe der Kommunisten besteht darin, daß sie es verstehen, die Rückständigen zu überzeugen, unter ihnen zu arbeiten, und sich nicht durch ausgeklügelte, kindische „linke“ Losungen von ihnen absondern.
Kein Zweifel, die Herren Gompers, Henderson, Jouhaux und Legien sind solchen „linken“ Revolutionären sehr dankbar, die wie die deutsche „grundsätzliche“ Opposition (der Himmel bewahre uns vor solcher „Grundsätzlichkeit“!) oder wie manche Revolutionäre unter den amerikanischen „Industriearbeitern der Welt“4 den Austritt aus den reaktionären Gewerkschaften und die Ablehnung der Arbeit in ihnen predigen. Kein Zweifel, die Herren „Führer“ des Opportunismus werden zu allen möglichen Kniffen der bürgerlichen Diplomatie greifen, werden die Hilfe der bürgerlichen Regierungen, der Pfaffen, der Polizei, der Gerichte in Anspruch nehmen, um die Kommunisten nicht in die Gewerkschaften hineinzulassen, um sie auf jede Art und Weise aus den Gewerkschaften zu verdrängen, um ihnen die Arbeit in den Gewerkschaften möglichst zu verleiden, um sie zu beleidigen, gegen sie zu hetzen und sie zu verfolgen. Man muß all dem widerstehen können, muß zu jedwedem Opfer entschlossen sein und sogar – wenn es sein muß – alle möglichen Schliche, Listen und illegalen Methoden anwenden, die Wahrheit verschweigen und verheimlichen, nur um in die Gewerkschaften hineinzukommen, in ihnen zu bleiben und in ihnen um jeden Preis kommunistische Arbeit zu leisten. Unter dem Zarismus hatten wir bis 1905 keinerlei „legale Möglichkeit“, als aber Subatow von der Ochrana Arbeiterversammlungen und Arbeitervereine der Schwarzhunderter inszenierte, um Revolutionäre einzufangen und den Kampf gegen sie zu führen, da schickten wir in diese Versammlungen und Vereine Mitglieder unserer Partei (an einen von ihnen erinnere ich mich persönlich, nämlich an Genossen Babuschkin, einen hervorragenden Petersburger Arbeiter, der von den zaristischen Generalen 1906 erschossen worden ist), die mit der Masse Verbindung herstellten, es geschickt verstanden, Agitation zu treiben, und die Arbeiter dem Einfluß der Subatowleute entrissen.5 Natürlich, in Westeuropa, das besonders stark durchdrungen ist von besonders stark eingewurzelten legalistischen, konstitutionellen, bürgerlich-demokratischen Vorurteilen, läßt sich so etwas schwerer durchführen. Aber man kann und muß es durchführen, und zwar systematisch durchführen.
Das Exekutivkomitee der III. Internationale muß meiner Ansicht nach sowohl allgemein die Politik der Nichtbeteiligung an den reaktionären Gewerkschaften (unter ausführlicher Begründung, warum eine solche Nichtbeteiligung unvernünftig und für die Sache der proletarischen Revolution außerordentlich schädlich ist) als auch besonders das Verhalten einiger Mitglieder der Kommunistischen Partei Hollands, die – einerlei, ob direkt oder indirekt, offen oder versteckt, ganz oder teilweise – diese falsche Politik unterstützt haben, direkt verurteilen und dem nächsten Kongreß der Kommunistischen Internationale vorschlagen, dasselbe zu tun. Die III. Internationale muß mit der Taktik der II. Internationale brechen, sie darf die heiklen Fragen nicht umgehen, nicht vertuschen, sondern muß sie mit aller Schärfe stellen. Wir haben den „Unabhängigen“ (der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands) die ganze Wahrheit ins Gesicht gesagt, wir müssen auch den „linken“ Kommunisten die ganze Wahrheit ins Gesicht sagen.
VII. Soll man sich an den bürgerlichen Parlamenten beteiligen?
Die deutschen „linken“ Kommunisten beantworten diese Frage mit größter Geringschätzung – und mit größter Leichtfertigkeit – verneinend. Ihre Argumente? In dem oben angeführten Zitat haben wir gelesen:
„… jede Rückkehr zu den historisch und politisch erledigten Kampfformen des Parlamentarismus … ist mit aller Entschiedenheit abzulehnen …“
Das ist bis zur Lächerlichkeit anmaßend gesagt und offenkundig falsch. „Rückkehr“ zum Parlamentarismus! Gibt es in Deutschland gar schon eine Sowjetrepublik? Doch wohl nicht! Wie kann man also von einer „Rückkehr“ reden? Ist das nicht eine leere Phrase?
Der Parlamentarismus ist „historisch erledigt“. Im Sinne der Propaganda ist das richtig. Aber jedermann weiß, daß es von da bis zur praktischen Überwindung noch sehr weit ist. Den Kapitalismus konnte man bereits vor vielen Jahrzehnten, und zwar mit vollem Recht, als „historisch erledigt“ bezeichnen, das enthebt uns aber keineswegs der Notwendigkeit eines sehr langen und sehr hartnäckigen Kampfes auf dem Boden des Kapitalismus. Der Parlamentarismus ist im welthistorischen Sinne „historisch erledigt“, d.h., die Epoche des bürgerlichen Parlamentarismus ist beendet, die Epoche der Diktatur des Proletariats hat begonnen. Das ist unbestreitbar. Aber der welthistorische Maßstab rechnet nach Jahrzehnten. 10 bis 20 Jahre früher oder später, das ist, mit dem welthistorischen Maßstab gemessen, gleichgültig, das ist – vom Standpunkt der Weltgeschichte aus gesehen – eine Kleinigkeit, die man nicht einmal annähernd berechnen kann. Aber gerade deshalb ist es eine haarsträubende theoretische Unrichtigkeit, sich in einer Frage der praktischen Politik auf den welthistorischen Maßstab zu berufen.
Der Parlamentarismus ist „politisch erledigt“? Das ist eine ganz andere Sache. Wäre das richtig, dann hätten die „Linken“ eine feste Position. Das müßte jedoch durch eine sehr gründliche Analyse bewiesen werden, die „Linken“ aber verstehen es nicht einmal, an eine solche Analyse heranzugehen. In den Thesen über den Parlamentarismus, die in Nr.1 des „Bulletins des Provisorischen Amsterdamer Büros der Kommunistischen Internationale“ („Bulletin of the Provisional Bureau in Amsterdam of the Communist International“, February 1920) veröffentlicht sind und offensichtlich die Ansichten der holländisch-linken oder links-holländischen Richtung zum Ausdruck bringen, ist die Analyse, wie wir sehen werden, ebenfalls ganz miserabel.
Erstens. Die deutschen „Linken“ haben entgegen der Meinung so hervorragender politischer Führer wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bekanntlich schon im Januar 1919 den Parlamentarismus für „politisch erledigt“ gehalten. Wie bekannt, haben sich die „Linken“ geirrt. Schon das allein stößt sofort und radikal die These um, daß der Parlamentarismus „politisch erledigt“ sei. Den „Linken“ obliegt es zu beweisen, weshalb ihr unbestreitbarer Fehler von damals jetzt aufgehört hat, ein Fehler zu sein. Nicht einmal den Schimmer eines Beweises führen sie an und können sie anführen. Das Verhalten einer politischen Partei zu ihren Fehlern ist eines der wichtigsten und sichersten Kriterien für den Ernst einer Partei und für die tatsächliche Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber ihrer Klasse und den werktätigen Massen. Einen Fehler offen zuzugeben, seine Ursachen aufdecken, die Umstände, die ihn hervorgerufen haben, analysieren, die Mittel zur Behebung des Fehlers sorgfältig prüfen – das ist das Merkmal einer ernsten Partei, das heißt Erfüllung ihrer Pflichten, das heißt Erziehung und Schulung der Klasse und dann auch der Masse. Wenn die „Linken“ in Deutschland (und in Holland) diese ihre Pflicht nicht erfüllen, wenn sie nicht mit größter Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Vorsicht an das Studium ihres offenkundigen Fehlers gehen, so beweisen sie gerade dadurch, daß sie nicht eine Partei der Klasse, sondern ein Konventikel, nicht eine Partei der Massen, sondern eine Gruppe von Intellektuellen und einigen wenigen Arbeitern sind, die die schlechtesten Eigenschaften der Intellektuellen kopieren.
Zweitens. In derselben Broschüre der Frankfurter Gruppe der „Linken“, aus der wir oben ausführliche Zitate angeführt haben, lesen wir:
„Die Millionen der im Banne der Zentrumspolitik“ (der Politik der katholischen Zentrumspartei) „noch marschierenden Arbeiter sind gegenrevolutionär. Die Landproletarier stellen Legionen gegenrevolutionärer Truppen.“ (S.3 der obengenannten Broschüre.)
Man merkt an allem, daß das allzu schwungvoll gesagt und übertrieben ist. Aber die hier dargelegte grundlegende Tatsache ist unbestreitbar, und daß die „Linken“ sie anerkennen, zeugt besonders anschaulich von ihrem Fehler. Wie kann man denn davon reden, daß der „Parlamentarismus politisch erledigt“ sei, wenn „Millionen“ und „Legionen“ Proletarier nicht nur für den Parlamentarismus schlechthin eintreten, sondern sogar direkt „gegenrevolutionär“ sind!? Es ist klar, daß der Parlamentarismus in Deutschland politisch noch nicht erledigt ist. Es ist klar, daß die „Linken“ in Deutschland ihren eigenen Wunsch, ihre eigene ideologisch-politische Stellung für die objektive Wirklichkeit halten. Das ist der gefährlichste Fehler, den Revolutionäre machen können. In Rußland, wo das überaus barbarische und grausame Joch des Zarismus besonders lange und in besonders mannigfaltigen Formen Revolutionäre verschiedener Richtungen hervorgebracht hat, Revolutionäre, deren Hingabe, Enthusiasmus, Heldenmut und Willenskraft bewundernswert sind, in Rußland haben wir diesen Fehler an Revolutionären aus nächster Nähe beobachtet, haben ihn besonders aufmerksam studiert, kennen ihn besonders gut und sehen ihn deshalb auch bei anderen besonders klar. Für die Kommunisten in Deutschland ist der Parlamentarismus natürlich „politisch erledigt“, aber es kommt gerade darauf an, daß wir das, was für uns erledigt ist, nicht als erledigt für die Klasse, nicht als erledigt für die Massen betrachten. Gerade hier sehen wir wiederum, daß die „Linken“ nicht zu urteilen verstehen, daß sie nicht als Partei der Klasse, als Partei der Massen zu handeln verstehen. Ihr seid verpflichtet, nicht auf das Niveau der Massen, nicht auf das Niveau der rückständigen Schichten der Klasse hinabzusinken. Das ist unbestreitbar. Ihr seid verpflichtet, ihnen die bittere Wahrheit zu sagen. Ihr seid verpflichtet, ihre bürgerlich-demokratischen und parlamentarischen Vorurteile beim richtigen Namen zu nennen. Aber zugleich seid ihr verpflichtet, den tatsächlichen Bewußtseins- und Reifegrad eben der ganzen Klasse (und nicht nur ihrer kommunistischen Avantgarde), eben der ganzen werktätigen Masse (und nicht nur ihrer fortgeschrittensten Vertreter) nüchtern zu prüfen.
Selbst wenn keine „Millionen“ und „Legionen“, sondern bloß eine ziemlich beträchtliche Minderheit von Industriearbeitern den katholischen Pfaffen und von Landarbeitern den Junkern und Großbauern nachläuft, ergibt sich schon daraus unzweifelhaft, daß der Parlamentarismus in Deutschland politisch noch nicht erledigt ist, daß die Beteiligung an den Parlamentswahlen und am Kampf auf der Parlamentstribüne für die Partei des revolutionären Proletariats unbedingte Pflicht ist, gerade um die rückständigen Schichten ihrer Klasse zu erziehen, gerade um die unentwickelte, geduckte, unwissende Masse auf dem Lande aufzurütteln und aufzuklären. Solange ihr nicht stark genug seid, das bürgerliche Parlament und alle sonstigen reaktionären Institutionen auseinanderzujagen, seid ihr verpflichtet, gerade innerhalb dieser Institutionen zu arbeiten, weil sich dort noch Arbeiter befinden, die von den Pfaffen und durch das Leben in den ländlichen Provinznestern verdummt worden sind. Sonst lauft ihr Gefahr, einfach zu Schwätzern zu werden.
Drittens. Die „linken“ Kommunisten sagen über uns Bolschewiki sehr viel Gutes. Manchmal möchte man sagen: Wenn sie uns doch weniger loben, wenn sie doch in die Taktik der Bolschewiki besser eindringen, sich besser mit ihr vertraut machen wollten! Wir haben uns im September bis November 1917 an den Wahlen zum bürgerlichen Parlament Rußlands, zur Konstituierenden Versammlung, beteiligt. War unsere Taktik richtig oder nicht? Wenn nicht, so muß das klar gesagt und bewiesen werden; das ist notwendig, damit der internationale Kommunismus eine richtige Taktik ausarbeitet. Wenn ja, so müssen daraus bestimmte Schlußfolgerungen gezogen werden. Selbstverständlich kann von einer Gleichsetzung der Verhältnisse in Rußland und der Verhältnisse in Westeuropa keine Rede sein. Speziell in der Frage jedoch, was der Satz: „Der Parlamentarismus ist politisch erledigt!“ bedeutet, muß unsere Erfahrung unbedingt genau in Betracht gezogen werden, denn solche Aussprüche verwandeln sich allzu leicht in hohle Phrasen, wenn die konkrete Erfahrung nicht in Betracht gezogen wird. Hatten wir russischen Bolschewiki im September-November 1917 nicht mehr als jeder beliebige Kommunist im Westen das Recht, anzunehmen, daß der Parlamentarismus in Rußland politisch erledigt sei? Natürlich hatten wir es, denn es kommt ja nicht darauf an, ob die bürgerlichen Parlamente lange oder kurze Zeit bestehen, sondern darauf, wieweit die breiten Massen der Werktätigen (ideologisch, politisch, praktisch) bereit sind, die Sowjetordnung anzunehmen und das bürgerlich-demokratische Parlament auseinanderzujagen (oder seine Auseinanderjagung zuzulassen). Daß in Rußland im September-November 1917 die Arbeiterklasse der Städte, die Soldaten und die Bauern infolge einer Reihe von besonderen Umständen für die Annahme der Sowjetordnung und die Auseinanderjagung selbst des demokratischsten bürgerlichen Parlaments außerordentlich gut vorbereitet waren, ist eine ganz unbestreitbare und einwandfrei feststehende historische Tatsache. Und trotzdem haben die Bolschewiki die Konstituierende Versammlung nicht boykottiert, sondern haben sich sowohl vor als auch nach der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat an den Wahlen beteiligt. Daß diese Wahlen außerordentlich wertvolle (und für das Proletariat im höchsten Grad nützliche) politische Resultate gezeitigt haben, hoffe ich, in dem obenerwähnten Artikel bewiesen zu haben, der das Material über die Wahlen zur Konstituierenden Versammlung in Rußland eingehend analysiert.
Daraus ergibt sich eine ganz unbestreitbare Schlußfolgerung: Es ist bewiesen, daß sogar einige Wochen vor dem Siege der Sowjetrepublik, ja sogar nach diesem Siege die Beteiligung am bürgerlich-demokratischen Parlament dem revolutionären Proletariat nicht nur nicht schadet, sondern es ihm erleichtert, den rückständigen Massen zu beweisen, weshalb solche Parlamente es verdienen, auseinandergejagt zu werden, es ihm erleichtert, sie mit Erfolg auseinanderzujagen, es ihm erleichtert, den bürgerlichen Parlamentarismus „politisch zu erledigen“.
Diese Erfahrung nicht in Rechnung stellen und gleichzeitig auf die Zugehörigkeit zur Kommunistischen Internationale Anspruch erheben, die ihre Taktik international (nicht als eng oder einseitig nationale, sondern eben als internationale Taktik) auszuarbeiten hat, heißt einen sehr schweren Fehler begehen und vom Internationalismus gerade in der Praxis abweichen, während man ihn in Worten anerkennt.
Betrachten wir nun die „holländisch-linken“ Argumente für die Nichtbeteiligung an den Parlamenten. Die wichtigste der obengenannten „holländischen“ Thesen, die vierte These, lautet in der Übersetzung (aus dem Englischen) folgendermaßen:
„Wenn das kapitalistische Produktionssystem zusammengebrochen ist und die Gesellschaft sich im Zustand der Revolution befindet, verliert die parlamentarische Aktion, im Vergleich zur Aktion der Massen selbst, allmählich ihre Bedeutung. Wenn unter diesen Umständen das Parlament zum Zentrum und Organ der Konterrevolution wird, andrerseits aber die Arbeiterklasse ihre Machtinstrumente in Gestalt der Sowjets aufbaut – kann es sogar notwendig werden, sich all und jeder Beteiligung an der parlamentarischen Aktion zu enthalten.“
Der erste Satz ist offenkundig falsch, denn die Aktion der Massen z.B. ein großer Streik – ist immer und keineswegs nur während der Revolution oder in einer revolutionären Situation wichtiger als die parlamentarische Aktion. Dieses offenkundig unhaltbare, historisch und politisch falsche Argument zeigt nur mit besonderer Anschaulichkeit, daß die Verfasser weder die gesamteuropäischen Erfahrungen (die französische vor den Revolutionen von 1848 und 1870; die deutsche der Jahre 1878 bis 1890 usw.) noch die russischen Erfahrungen (siehe oben), die zeigen, wie wichtig es ist, den legalen und den illegalen Kampf zu verbinden, auch nur im geringsten berücksichtigen. Diese Frage ist im allgemeinen wie auch speziell deswegen von allergrößter Bedeutung, weil in allen zivilisierten und fortgeschrittenen Ländern schnell die Zeit heranrückt, da eine solche Verbindung für die Partei des revolutionären Proletariats immer mehr und mehr zu einer Notwendigkeit wird – teilweise schon geworden ist –, und zwar infolge des Heranreifens und Herannahens des Bürgerkriegs zwischen Proletariat und Bourgeoisie, infolge der wütenden Verfolgungen der Kommunisten durch die republikanischen und überhaupt die bürgerlichen Regierungen, die sich auf jede Art und Weise über die Legalität hinwegsetzen (wie schwer wiegt allein das Beispiel Amerikas) usw. Diese höchst wichtige Frage haben die Holländer und überhaupt die Linken absolut nicht begriffen.
Der zweite Satz ist erstens historisch falsch. Wir Bolschewiki beteiligten uns selbst an den konterrevolutionärsten Parlamenten, und die Erfahrung hat gezeigt, daß eine solche Beteiligung für die Partei des revolutionären Proletariats gerade nach der ersten bürgerlichen Revolution in Rußland (1905) nicht nur nützlich, sondern auch notwendig war, um die zweite bürgerliche (Februar 1917) und dann die sozialistische (Oktober 1917) Revolution vorbereiten zu können. Zweitens ist dieser Satz erstaunlich unlogisch. Daraus, daß das Parlament zum Organ und „Zentrum“ der Konterrevolution wird (in Wirklichkeit ist es niemals das „Zentrum“ gewesen und kann es auch nicht sein, doch das nur nebenbei) und die Arbeiter ihre Machtinstrumente in Gestalt der Sowjets schaffen, folgt, daß die Arbeiter sich darauf vorbereiten – ideologisch, politisch und technisch vorbereiten – müssen, das Parlament durch die Sowjets zu bekämpfen, das Parlament durch die Sowjets auseinanderzujagen. Daraus folgt aber keineswegs, daß ein solches Auseinanderjagen durch das Vorhandensein einer Sowjetopposition innerhalb des konterrevolutionären Parlaments erschwert oder doch nicht erleichtert würde. Wir haben während unseres siegreichen Kampfes gegen Denikin und Koltschak kein einziges Mal gemerkt, daß das Bestehen einer sowjetischen, einer proletarischen Opposition bei ihnen für unsere Siege gleichgültig gewesen wäre. Wir wissen sehr wohl, daß uns das Auseinanderjagen der Konstituante am 5.1.1918 nicht erschwert, sondern erleichtert worden ist dadurch, daß innerhalb der auseinanderzujagenden konterrevolutionären Konstituante sowohl eine konsequente, die bolschewistische, als auch eine inkonsequente, die linke sozialrevolutionäre, Sowjetopposition vorhanden war. Die Verfasser der These haben sich völlig verheddert und die Erfahrung zahlreicher, wenn nicht aller Revolutionen vergessen, die davon zeugt, daß es zu Revolutionszeiten besonders nützlich ist, die Massenaktionen außerhalb des reaktionären Parlaments mit einer Opposition, die mit der Revolution sympathisiert (oder noch besser: die Revolution direkt unterstützt), innerhalb dieses Parlaments zu verbinden, Die Holländer und die „Linken“ überhaupt urteilen hier wie Doktrinäre der Revolution, die an einer wirklichen Revolution niemals teilgenommen oder sich in die Geschichte der Revolutionen nicht vertieft haben oder naiv die subjektive „Ablehnung“ einer bestimmten reaktionären Institution für deren tatsächliche Zerstörung durch die vereinten Kräfte einer ganzen Reihe von objektiven Faktoren halten. Das sicherste Mittel, eine neue politische (und nicht nur eine politische) Idee zu diskreditieren und ihr zu schaden, besteht darin, sie ad absurdum zu führen, während man sie verteidigt. Denn jede Wahrheit kann man, wenn man sie „überschwenglich“ macht (wie der alte Dietzgen zu sagen pflegte), wenn man sie übertreibt, wenn man sie über die Grenzen ihrer wirklichen Anwendbarkeit hinaus ausdehnt, ad absurdum führen, ja sie wird unter diesen Umständen unvermeidlich absurd. Und eben diesen Bärendienst erweisen die holländischen und die deutschen Linken der neuen Wahrheit, daß die Sowjetmacht den bürgerlich-demokratischen Parlamenten überlegen ist. Selbstverständlich wäre jemand, der so wie früher und ganz allgemein sagen wollte, daß ein Verzicht auf die Beteiligung an bürgerlichen Parlamenten unter keinen Umständen zulässig sei, im Unrecht. Ich kann hier nicht versuchen, die Bedingungen zu formulieren, unter denen ein Boykott von Nutzen ist, denn diese Schrift stellt sich die viel bescheidenere Aufgabe, im Zusammenhang mit einigen brennenden Tagesfragen der internationalen kommunistischen Taktik die russischen Erfahrungen auszuwerten. Die russischen Erfahrungen haben uns einmal (1905) eine erfolgreiche und richtige und ein andermal (1906) eine verfehlte Anwendung des Boykotts durch die Bolschewiki geliefert. Analysieren wir den ersten Fall, so sehen wir, daß es uns gelang, die Einberufung eines reaktionären Parlaments durch die reaktionäre Regierung in einer Situation zu verhindern, da sich die außerparlamentarische revolutionäre Aktion der Massen (insbesondere die Streikbewegung) mit ungewöhnlicher Schnelligkeit ausbreitete, da keine einzige Schicht des Proletariats und der Bauernschaft die reaktionäre Regierung irgendwie unterstützen konnte, da sich das revolutionäre Proletariat durch den Streikkampf und die Agrarbewegung den Einfluß auf die rückständigen breiten Massen gesichert hatte. Es ist vollkommen klar, daß diese Erfahrung auf die gegenwärtigen europäischen Verhältnisse nicht anwendbar ist. Es ist auch vollkommen klar – auf Grund der oben angeführten Argumente –, daß ein Verzicht auf die Beteiligung an den Parlamenten, wie er von den Holländern und den „Linken“, wenn auch nur bedingt, verfochten wird, grundfalsch und für die Sache des revolutionären Proletariats schädlich wäre.
In Westeuropa und Amerika hat sich das Parlament den besonderen Haß der fortgeschrittenen Revolutionäre aus der Arbeiterklasse zugezogen. Das ist unbestreitbar. Es ist durchaus begreiflich, denn man kann sich schwerlich etwas Niederträchtigeres, Gemeineres, Verräterischeres vorstellen als das Verhalten der übergroßen Mehrheit der sozialistischen und sozialdemokratischen Abgeordneten im Parlament während des Krieges und nach dem Kriege. Es wäre aber nicht nur unvernünftig, sondern geradezu verbrecherisch, dieser Stimmung nachzugeben, wenn die Frage entschieden werden muß, wie das von allen erkannte Übel zu bekämpfen ist. In vielen Ländern Westeuropas ist die revolutionäre Stimmung jetzt gewissermaßen eine „Neuheit“ oder „Seltenheit“, auf die man allzulange, vergeblich, ungeduldig gewartet hat, und vielleicht gibt man deswegen dieser Stimmung so leicht nach. Natürlich kann ohne revolutionäre Stimmung unter den Massen und ohne Bedingungen, die das Anwachsen einer solchen Stimmung fördern, die revolutionäre Taktik nicht in die Tat umgesetzt werden; wir in Rußland haben uns aber durch allzulange, schwere, blutige Erfahrungen von der Wahrheit überzeugt, daß die revolutionäre Taktik auf revolutionärer Stimmung allein nicht aufgebaut werden kann. Die Taktik muß auf einer nüchternen, streng objektiven Einschätzung aller Klassenkräfte des betreffenden Staates (und der ihn umgebenden Staaten sowie aller Staaten der ganzen Welt) sowie auf der Berücksichtigung der von den revolutionären Bewegungen gesammelten Erfahrungen aufgebaut werden. Es ist sehr leicht, seinen „Revolutionismus“ nur durch Schimpfen auf den parlamentarischen Opportunismus, nur durch Ablehnung der Beteiligung an den Parlamenten zu bekunden, aber gerade weil das nur allzu leicht ist, ist es keine Lösung der schwierigen, überaus schwierigen Aufgabe. In den europäischen Parlamenten ist es viel schwieriger, eine wirklich revolutionäre Parlamentsfraktion zu schaffen, als es in Rußland der Fall war. Gewiß. Aber das ist nur ein besonderer Ausdruck der allgemeinen Wahrheit, daß es für Rußland in der konkreten, historisch außerordentlich eigenartigen Situation von 1917 leicht war, die sozialistische Revolution zu beginnen, während es für Rußland schwerer als für die europäischen Länder sein wird, sie fortzusetzen und zu Ende zu führen. Bereits Anfang 1918 mußte ich auf diesen Umstand hinweisen, und die späteren zweijährigen Erfahrungen haben die Richtigkeit dieser Erwägung vollauf bestätigt. Solche spezifische Bedingungen wie: 1. die Möglichkeit, den Sowjetumsturz mit der dank diesem Umsturz herbeigeführten Beendigung des imperialistischen Krieges zu verbinden, der die Arbeiter und Bauern aufs äußerste erschöpft hatte; 2. die Möglichkeit, eine gewisse Zeit lang den auf Tod und Leben geführten Kampf der beiden weltbeherrschenden Gruppen imperialistischer Räuber auszunutzen, der beiden Gruppen, die sich nicht gegen die Sowjets, ihren Feind, vereinigen konnten; 3. die Möglichkeit – teilweise dank der ungeheuren Ausdehnung des Landes und den schlechten Verkehrsmitteln –, einen verhältnismäßig langwierigen Bürgerkrieg auszuhalten; 4. das Vorhandensein einer so tief gehenden bürgerlich-demokratischen revolutionären Bewegung unter der Bauernschaft, daß die Partei des Proletariats die revolutionären Forderungen von der Partei der Bauern (der Sozialrevolutionäre, einer Partei, die in ihrer Mehrheit dem Bolschewismus ausgesprochen feindlich gegenüberstand) übernehmen und sie dank der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat unverzüglich verwirklichen konnte – solche spezifische Bedingungen sind jetzt in Westeuropa nicht vorhanden, und die Wiederkehr solcher oder ähnlicher Bedingungen ist nicht allzu leicht möglich. Deshalb übrigens ist es, neben einer Reihe anderer Gründe, für Westeuropa schwerer, als es für uns war, die sozialistische Revolution zu beginnen. Diese Schwierigkeit dadurch „umgehen“ zu wollen, daß man die schwere Aufgabe der Ausnutzung reaktionärer Parlamente zu revolutionären Zwecken „überspringen“ möchte, ist reinste Kinderei. Ihr wollt eine neue Gesellschaft schaffen? und ihr fürchtet Schwierigkeiten bei der Schaffung einer guten Parlamentsfraktion aus überzeugten, treuen, heldenhaften Kommunisten im reaktionären Parlament! Ist das etwa nicht Kinderei? Wenn Karl Liebknecht in Deutschland und Z. Höglund in Schweden es sogar ohne Unterstützung der Massen von unten vermocht haben, Musterbeispiele einer wirklich revolutionären Ausnutzung reaktionärer Parlamente zu geben, warum sollte dann eine rasch wachsende revolutionäre Massenpartei unter den Nachkriegsverhältnissen der Enttäuschung und Erbitterung der Massen nicht imstande sein, sich in den schlimmsten Parlamenten eine kommunistische Fraktion zu schmieden?! Gerade deshalb, weil die rückständigen Massen der Arbeiter und – in noch höherem Grade – der Kleinbauern in Westeuropa viel stärker als in Rußland von bürgerlich-demokratischen und parlamentarischen Vorurteilen durchdrungen sind, gerade deshalb können (und müssen) die Kommunisten nur in solchen Institutionen wie den bürgerlichen Parlamenten von innen heraus den langwierigen, hartnäckigen, vor keinen Schwierigkeiten zurückschreckenden Kampf zur Enthüllung, Zerstreuung und Überwindung dieser Vorurteile führen.
Die deutschen „Linken“ klagen über die schlechten „Führer“ ihrer Partei und geraten darob in Verzweiflung, wobei sie sich bis zur lächerlichen „Verneinung“ der „Führer“ versteigen. Aber unter Bedingungen, wo man die „Führer“ häufig in der Illegalität verstecken muß, ist es besonders schwer, gute, zuverlässige, erprobte, angesehene „Führer“ herauszubilden, und diese Schwierigkeiten kann man nicht mit Erfolg überwinden, ohne die legale und die illegale Arbeit miteinander zu verbinden, ohne die „Führer“ unter anderem auch in der Parlamentsarena zu erproben. Die Kritik – und zwar die schärfste, schonungsloseste, unversöhnlichste Kritik – ist nicht gegen den Parlamentarismus oder gegen die parlamentarische Tätigkeit zu richten, sondern gegen jene Führer, die es nicht verstehen, die Parlamentswahlen und die Parlamentstribüne auf revolutionäre, auf kommunistische Art auszunutzen, und noch mehr gegen diejenigen, die das nicht wollen. Nur eine solche Kritik, natürlich verbunden damit, daß man die untauglichen Führer fortjagt und durch taugliche ersetzt, wird eine nützliche und fruchtbringende revolutionäre Arbeit sein, die gleichzeitig sowohl die „Führer“ erzieht, damit sie der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen würdig sind, als auch die Massen erzieht, damit sie lernen, sich in der politischen Lage zurechtzufinden und die mitunter sehr komplizierten und verwickelten Aufgaben zu verstehen, die sich aus dieser Lage ergeben.6
VIII. Keinerlei Kompromisse?
Wir haben im Zitat aus der Frankfurter Broschüre gesehen, mit welcher Entschiedenheit die „Linken“ diese Losung aufstellen. Es ist traurig mitanzusehen, wie Leute, die sich zweifellos für Marxisten halten und Marxisten sein möchten, die Grundwahrheiten des Marxismus vergessen haben. Engels, der ebenso wie Marx zu jenen überaus seltenen Schriftstellern gehört, bei denen jeder Satz einer jeden größeren Arbeit von bewundernswerter Tiefe des Inhalts ist, schrieb 1874 gegen das Manifest der 33 blanquistischen Kommunarden folgendes:
„,Wir sind Kommunisten‘ (schrieben in ihrem Manifest die blanquistischen Kommunarden), ‚weil wir bei unseren Ziel ankommen wollen, ohne uns an Zwischenstationen aufzuhalten, an Kompromissen, die nur den Sieg vertagen und die Sklaverei verlängern.‘
Die deutschen Kommunisten sind Kommunisten, weil sie durch alle Zwischenstationen und Kompromisse, die nicht von ihnen, sondern von der geschichtlichen Entwicklung geschaffen werden, das Endziel klar hindurchsehn und verfolgen: die Abschaffung der Klassen, die Errichtung einer Gesellschaft, worin kein Privateigentum an der Erde und an den Produktionsmitteln mehr existiert. Die Dreiunddreißig sind Kommunisten, weil sie sich einbilden, sobald sie nur den guten Willen haben, die Zwischenstationen und Kompromisse zu überspringen, sei die Sache abgemacht, und wenn es, wie ja feststeht, dieser Tage ‚losgeht‘ und sie nur ans Ruder kommen, so sei übermorgen ‚der Kommunismus eingeführt‘. Wenn das nicht sofort möglich, sind sie also auch keine Kommunisten.
Kindliche Naivität, die Ungeduld als einen theoretisch überzeugenden Grund anzuführen!“ (F. Engels, „Programm der blanquistischen Kommuneflüchtlinge“7, aus der deutschen sozialdemokratischen Zeitung „Der Volksstaat“, 1874, Nr. 73, nach dem Sammelband „Artikel 1871 bis 1875“, russ. Übersetzung, Petrograd 1919, S. 52/53.)
Engels bringt in demselben Aufsatz seine tiefe Hochschätzung für Vaillant zum Ausdruck und spricht von dem „unbestrittenen Verdienst“ Vaillants (der ebenso wie Guesde ein hervorragender Führer des internationalen Sozialismus gewesen war, bevor beide im August 1914 den Sozialismus verrieten). Aber den offenkundigen Fehler läßt Engels nicht ohne gründliche Analyse. Sehr jungen und unerfahrenen Revolutionären scheint es, natürlich ebenso wie kleinbürgerlichen Revolutionären, sogar wenn sie sehr ehrwürdigen Alters und reich an Erfahrungen sind, außerordentlich „gefährlich“, unverständlich, ja falsch zu sein, „Kompromisse zu erlauben“. Und viele Sophisten (die übermäßig oder allzu „erfahrene“ Politikaster sind) argumentieren ebenso wie die von Gen. Lansbury erwähnten englischen Führer des Opportunismus: „Wenn den Bolschewiki dieses oder jenes Kompromiß erlaubt ist, warum sollen wir dann nicht beliebige Kompromisse schließen dürfen?“ Die Proletarier aber, die in zahlreichen Streiks geschult worden sind (um nur diese eine Erscheinungsform des Klassenkampfes herauszugreifen), pflegen sich die von Engels dargelegte überaus tiefe (philosophische, historische, politische und psychologische) Wahrheit ausgezeichnet anzueignen. Jeder Proletarier hat einen Streik mitgemacht, hat „Kompromisse“ mit den verhaßten Unterdrückern und Ausbeutern miterlebt, wo die Arbeiter die Arbeit aufnehmen mußten, entweder ohne überhaupt etwas erreicht zu haben oder indem sie darauf eingingen, daß ihre Forderungen nur teilweise befriedigt wurden. Jeder Proletarier erkennt, dank dem Milieu des Massenkampfes und der starken Zuspitzung der Klassengegensätze, in dem er lebt, den Unterschied zwischen einem Kompromiß, das durch die objektiven Verhältnisse erzwungen ist (wenn die Streikkasse leer ist, wenn die Streikenden keine Unterstützung von außen erhalten, wenn sie bis zum äußersten ausgehungert und erschöpft sind), einem Kompromiß, das bei den Arbeitern, die ein solches Kompromiß geschlossen haben, die revolutionäre Hingabe und Bereitschaft zum weiteren Kampf keineswegs beeinträchtigt – und anderseits einem Kompromiß von Verrätern, die ihren Eigennutz (Streikbrecher schließen ebenfalls ein „Kompromiß“!), ihre Feigheit, ihren Wunsch, sich bei den Kapitalisten lieb Kind zu machen, ihre Empfänglichkeit für Einschüchterungen, manchmal auch für Überredungskünste, für Almosen, für Schmeicheleien der Kapitalisten, hinter objektiven Ursachen verbergen (besonders viele solcher Kompromisse von Verrätern finden wir in der Geschichte der englischen Arbeiterbewegung bei den Führern der englischen Trade-Unions, doch haben fast alle Arbeiter in allen Ländern ähnliche Erscheinungen in dieser oder jener Form beobachtet).
Es gibt natürlich einzelne, außerordentlich schwierige und verwickelte Fälle, in denen es nur mit größter Mühe gelingt, den wirklichen Charakter dieses oder jenes „Kompromisses“ richtig zu bestimmen, wie es Fälle von Mord gibt, in denen es gar nicht so leicht ist zu entscheiden, ob ein durchaus gerechtfertigter oder sogar notwendiger Totschlag (z.B. in Notwehr) oder eine unverzeihliche Fahrlässigkeit oder gar ein fein eingefädelter heimtückischer Plan vorliegt. Es versteht sich von selbst, daß es in der Politik, wo es sich mitunter um äußerst komplizierte – nationale und internationale – Wechselbeziehungen zwischen den Klassen und Parteien handelt, sehr viele weit schwierigere Fälle geben wird als die Frage, ob ein bestimmtes „Kompromiß“ bei einem Streik berechtigt oder ob es das verräterische „Kompromiß“ eines Streikbrechers, eines verräterischen Führers usw. war. Ein Rezept oder eine allgemeine Regel, brauchbar für alle Fälle („keinerlei Kompromisse“!), fabrizieren zu wollen wäre Unsinn. Man muß selbst einen Kopf auf den Schultern haben, um sich in jedem einzelnen Fall zurechtzufinden. Gerade darin besteht unter anderem die Bedeutung der Parteiorganisation und der Parteiführer, die diesen Namen verdienen, daß man durch langwierige, hartnäckige, mannigfaltige, allseitige Arbeit aller denkenden Vertreter der gegebenen Klasse8 die notwendigen Kenntnisse, die notwendigen Erfahrungen, das – neben Wissen und Erfahrung – notwendige politische Fingerspitzengefühl erwirbt, um komplizierte politische Fragen schnell und richtig zu lösen.
Naive und ganz unerfahrene Leute bilden sich ein, es genüge, die Zulässigkeit von Kompromissen überhaupt anzuerkennen – und schon werde jede Grenze verwischt zwischen dem Opportunismus, gegen den wir einen unversöhnlichen Kampf führen und führen müssen, und dem revolutionären Marxismus oder Kommunismus. Wenn aber solche Leute noch nicht wissen, daß alle Grenzen sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft beweglich und bis zu einem gewissen Grade bedingt sind, so ist ihnen nicht anders zu helfen als durch anhaltende Belehrung, Erziehung, Aufklärung, durch politische und alltägliche Erfahrung. Wichtig ist, daß man es versteht, unter den praktischen Fragen der Politik jedes einzelnen oder besonderen historischen Augenblicks diejenigen herauszufinden, in denen die hauptsächliche Spielart der unzulässigen, verräterischen Kompromisse zum Ausdruck kommt, die den für die revolutionäre Klasse verhängnisvollen Opportunismus verkörpern, und alle Kräfte auf die Bloßstellung dieser Kompromisse, auf den Kampf gegen sie zu konzentrieren. Während des imperialistischen Krieges 1914-1918 zwischen den zwei Gruppen von Ländern, die gleichermaßen eine Raub- und Eroberungspolitik trieben, war eine solche hauptsächliche, entscheidende Spielart des Opportunismus der Sozialchauvinismus, d.h. das Eintreten für die „Vaterlandsverteidigung“, die in einem solchen Kriege praktisch der Verteidigung der räuberischen Interessen der „eigenen“ Bourgeoisie gleichkam. Nach dem Kriege waren die Verteidigung des räuberischen „Völkerbundes“, die Verteidigung der direkten oder indirekten Bündnisse mit der Bourgeoisie des eigenen Landes gegen das revolutionäre Proletariat und die „Räte“bewegung, die Verteidigung der bürgerlichen Demokratie und des bürgerlichen Parlamentarismus gegen die „Rätemacht“ die hauptsächlichen Äußerungen jener unzulässigen und verräterischen Kompromisse, die in ihrer Summe den für das revolutionäre Proletariat und seine Sache verhängnisvollen Opportunismus ergaben.
„Demzufolge ist jeder Kompromiß mit anderen Parteien… jede Politik des Lavierens und Paktierens mit aller Entschiedenheit abzulehnen…“ schreiben die deutschen Linken in der Frankfurter Broschüre.
Ein Wunder, daß diese Linken bei solchen Ansichten den Bolschewismus nicht entschieden verurteilen! Es ist doch unmöglich, daß die deutschen Linken nicht wissen, daß die ganze Geschichte des Bolschewismus, sowohl vor als auch nach der Oktoberrevolution, voll ist von Fällen des Lavierens, des Paktierens, der Kompromisse mit anderen, darunter auch mit bürgerlichen Parteien!
Krieg führen zum Sturz der internationalen Bourgeoisie, einen Krieg, der hundertmal schwieriger, langwieriger, komplizierter ist als der hartnäckigste der gewöhnlichen Kriege zwischen Staaten, und dabei im voraus auf das Lavieren, auf die Ausnutzung von (wenn auch zeitweiligen) Interessengegensätzen zwischen den Feinden, auf Übereinkommen und Kompromisse mit möglichen (wenn auch zeitweiligen, unbeständigen, schwankenden, bedingten) Verbündeten verzichten – ist das nicht über alle Maßen lächerlich? Ist das nicht dasselbe, als wollte man bei einem schwierigen Aufstieg auf einen noch unerforschten und bisher unzugänglichen Berg von vornherein darauf verzichten, manchmal im Zickzack zu gehen, manchmal umzukehren, die einmal gewählte Richtung aufzugeben und verschiedene Richtungen zu versuchen? Und Leute, die so wenig einsichtig und so unerfahren sind (noch gut, wenn sich das durch ihre Jugend erklärt: es ist das natürliche Vorrecht der Jugend, eine Zeitlang solche Dummheiten zu reden), konnten bei manchen Mitgliedern der Kommunistischen Partei Hollands – einerlei, ob direkt oder indirekt, offen oder versteckt, ganz oder teilweise – Unterstützung finden!!
Nach der ersten sozialistischen Revolution des Proletariats, nach dem Sturz der Bourgeoisie in einem Lande, bleibt das Proletariat dieses Landes lange Zeit schwächer als die Bourgeoisie, schon allein wegen der ungeheuren internationalen Verbindungen der Bourgeoisie, dann aber auch infolge der elementar und ständig vor sich gehenden Wiederherstellung, Wiederbelebung des Kapitalismus und der Bourgeoisie durch die kleinen Warenproduzenten des Landes, das die Bourgeoisie gestürzt hat. Einen mächtigeren Gegner kann man nur unter größter Anspannung der Kräfte und nur dann besiegen, wenn man unbedingt aufs angelegentlichste, sorgsamste, vorsichtigste, geschickteste sowohl jeden, selbst den kleinsten „Riß“ zwischen den Feinden, jeden Interessengegensatz zwischen der Bourgeoisie der verschiedenen Länder, zwischen den verschiedenen Gruppen oder Schichten der Bourgeoisie innerhalb der einzelnen Länder als auch jede, selbst die kleinste Möglichkeit ausnutzt, um einen Verbündeten unter den Massen zu gewinnen, mag das auch ein zeitweiliger, schwankender, unsicherer, unzuverlässiger, bedingter Verbündeter sein. Wer das nicht begriffen hat, der hat auch nicht einen Deut vom Marxismus und vom wissenschaftlichen, modernen, Sozialismus überhaupt begriffen. Wer nicht während einer recht beträchtlichen Zeitspanne und in recht verschiedenartigen politischen Situationen praktisch bewiesen hat, daß er es versteht, diese Wahrheit in der Tat anzuwenden, der hat noch nicht gelernt, der revolutionären Klasse in ihrem Kampf um die Befreiung der gesamten werktätigen Menschheit von den Ausbeutern zu helfen. Und das Gesagte gilt in gleicher Weise für die Periode vor und nach der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat.
Unsere Theorie ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln, pflegten Marx und Engels zu sagen 9 , und der schwerste Fehler, das schwerste Verbrechen solcher „patentierten“ Marxisten wie Karl Kautsky, Otto Bauer u.a. besteht darin, daß sie das nicht begriffen, daß sie es nicht verstanden haben, diese Theorie in den wichtigsten Augenblicken der Revolution des Proletariats anzuwenden. „Die politische Tätigkeit ist nicht das Trottoir des Newski-Prospekts“ (das saubere, breite, glatte Trottoir der schnurgeraden Hauptstraße Petersburgs), pflegte schon N.G. Tschernyschewski10, der große russische Sozialist der vormarxschen Periode, zu sagen. Die russischen Revolutionäre haben seit Tschernyschewski das Ignorieren oder Vergessen dieser Wahrheit mit unzähligen Opfern bezahlt. Es gilt, um jeden Preis zu erreichen, daß die linken Kommunisten und die der Arbeiterklasse ergebenen Revolutionäre Westeuropas und Amerikas die Aneignung dieser Wahrheit nicht so teuer bezahlen, wie die rückständigen Russen sie bezahlt haben.
Die russischen revolutionären Sozialdemokraten haben vor dem Sturz des Zarismus wiederholt die Dienste der bürgerlichen Liberalen in Anspruch genommen, d.h., sie haben eine Menge praktischer Kompromisse mit ihnen geschlossen. In den Jahren 1901 und 1902, noch vor der Entstehung des Bolschewismus, schloß die alte Redaktion der „Iskra“ (zu der Plechanow, Axelrod, Sassulitsch, Martow, Potressow und ich gehörten) ein formelles politisches Bündnis (allerdings nicht auf lange) mit Struve, dem politischen Führer des bürgerlichen Liberalismus, verstand es aber gleichzeitig, ununterbrochen den rücksichtslosesten ideologischen und politischen Kampf gegen den bürgerlichen Liberalismus und gegen die geringsten Äußerungen seines Einflusses innerhalb der Arbeiterbewegung zu führen. Dieser Politik sind die Bolschewiki stets treu geblieben. Seit 1905 haben sie systematisch das Bündnis der Arbeiterklasse mit der Bauernschaft gegen die liberale Bourgeoisie und den Zarismus verfochten, ohne zugleich jemals die Unterstützung der Bourgeoisie gegen den Zarismus (z.B. im zweiten Stadium der Wahlen oder bei Stichwahlen) abzulehnen und ohne den unversöhnlichsten ideologischen und politischen Kampf gegen die bürgerlich-revolutionäre Bauernpartei, die „Sozialrevolutionäre“, einzustellen, die sie als kleinbürgerliche, sich fälschlich zu den Sozialisten zählende Demokraten entlarvten. Im Jahre 1907 schlossen die Bolschewiki bei den Wahlen zur Duma auf kurze Zeit formell einen politischen Block mit den „Sozialrevolutionären“. Mit den Menschewiki waren wir in den Jahren 1903-1912 wiederholt mehrere Jahre hindurch formell in einer einheitlichen sozialdemokratischen Partei, ohne jemals den ideologischen und politischen Kampf gegen diese Opportunisten und Schrittmacher des bürgerlichen Einflusses auf das Proletariat einzustellen. Während des Krieges gingen wir ein gewisses Kompromiß mit den „Kautskyanern“, den linken Menschewiki (Martow) und einem Teil der „Sozialrevolutionäre“ (Tschernow, Natanson) ein, tagten zusammen mit ihnen in Zimmerwald und Kienthal und erließen gemeinsame Manifeste, haben aber niemals den ideologischen und politischen Kampf gegen die „Kautskyaner“, gegen die Martow und Tschernow eingestellt oder abgeschwächt (Natanson starb 1919 als uns durchaus nahestehender, mit uns fast solidarischer volkstümlerischer „revolutionärer Kommunist“). Im Augenblick des Oktoberumsturzes schlossen wir einen zwar nicht formellen, aber sehr wichtigen (und sehr erfolgreichen) politischen Block mit der kleinbürgerlichen Bauernschaft, indem wir das Agrarprogramm der Sozialrevolutionäre voll und ganz, ohne jede Änderung, übernahmen, d.h., wir gingen unzweifelhaft ein Kompromiß ein, um den Bauern zu beweisen, daß wir sie nicht majorisieren, sondern uns mit ihnen verständigen wollen. Gleichzeitig schlugen wir den „linken Sozialrevolutionären“ einen (bald darauf von uns verwirklichten) formellen politischen Block einschließlich der Teilnahme an der Regierung vor. Nach Abschluß des Brester Friedens sprengten die linken Sozialrevolutionäre diesen Block und gingen später, im Juli 1918, zum bewaffneten Aufstand gegen uns und in der Folgezeit zum bewaffneten Kampf gegen uns über.
Es ist daher begreiflich, daß wir die Angriffe der deutschen Linken gegen die Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands, weil sie den Gedanken an einen Block mit den „Unabhängigen“ (der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“, den Kautskyanern) zuläßt, für ganz unernst halten und in ihnen einen klaren Beweis dafür sehen, daß die „Linken“ unrecht haben. Bei uns in Rußland gab es ebenfalls rechte Menschewiki (die der Regierung Kerenski angehörten), die den deutschen Scheidemännern entsprechen, und linke Menschewiki (Martow), die zu den rechten Menschewiki in Opposition standen und den deutschen Kautskyanern entsprechen. Den allmählichen Übergang der Arbeitermassen von den Menschewiki zu den Bolschewiki konnten wir deutlich im Jahre 1917 beobachten: Auf dem 1. Gesamtrussischen Sowjetkongreß im Juni 1917 hatten wir nur 13 Prozent der Stimmen. Die Mehrheit gehörte den Sozialrevolutionären und den Menschewiki. Auf dem II. Sowjetkongreß (am 25.10.1917 alten Stils) hatten wir 51 Prozent der Stimmen. Warum hat in Deutschland derselbe, völlig gleichartige Drang der Arbeiter von rechts nach links nicht sofort zur Stärkung der Kommunisten, sondern zunächst zur Stärkung der Zwischenpartei der „Unabhängigen“ geführt, obwohl diese Partei niemals irgendwelche selbständigen politischen Ideen besaß, niemals eine selbständige Politik trieb, sondern stets nur zwischen den Scheidemännern und den Kommunisten hin und her schwankte?
Eine der Ursachen war offensichtlich die fehlerhafte Taktik der deutschen Kommunisten, die diesen Fehler furchtlos und ehrlich zugeben und lernen müssen, ihn zu korrigieren. Der Fehler bestand darin, daß sie eine Beteiligung am reaktionären, bürgerlichen Parlament und an den reaktionären Gewerkschaften verwarfen; der Fehler bestand in zahlreichen Äußerungen jener „linken“ Kinderkrankheit, die jetzt offen zum Ausbruch gekommen ist und um so gründlicher, um so schneller, mit um so größerem Nutzen für den Organismus kuriert werden wird.
Die Zusammensetzung der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ ist ausgesprochen uneinheitlich: Neben den alten opportunistischen Führern (Kautsky, Hilferding, in hohem Grade offenbar auch Crispien, Ledebour u.a.), die ihre Unfähigkeit bewiesen haben, die Bedeutung der Rätemacht und der Diktatur des Proletariats zu erfassen und den revolutionären Kampf des Proletariats zu leiten, hat sich in dieser Partei ein linker, proletarischer Flügel gebildet, der erfreulich rasch anwächst. Hunderttausende Mitglieder dieser Partei (die, glaube ich, ungefähr drei Viertel Millionen Mitglieder zählt) sind Proletarier, die Scheidemann den Rücken kehren und sich rasch dem Kommunismus zuwenden. Dieser proletarische Flügel hat schon auf dem Leipziger Parteitag der Unabhängigen (1919) den sofortigen und bedingungslosen Anschluß an die III. Internationale beantragt. Ein „Kompromiß“ mit diesem Flügel der Partei zu fürchten wäre geradezu lächerlich. Im Gegenteil, die Kommunisten müssen unbedingt die geeignete Form eines Kompromisses mit ihm suchen und finden, eines Kompromisses, das einerseits die notwendige völlige Verschmelzung mit diesem Flügel erleichtern und beschleunigen, anderseits aber die Kommunisten in ihrem ideologischen und politischen Kampf gegen den opportunistischen rechten Flügel der „Unabhängigen“ in keiner Weise behindern würde. Wahrscheinlich wird es nicht leicht sein, die geeignete Form eines Kompromisses zu finden, aber nur ein Scharlatan könnte den deutschen Arbeitern und den deutschen Kommunisten einen „leichten“ Weg zum Sieg versprechen.
Der Kapitalismus wäre nicht Kapitalismus, wenn das „reine“ Proletariat nicht von einer Masse außerordentlich mannigfaltiger Übergangstypen vom Proletarier zum Halbproletarier (der seinen Lebensunterhalt zur Hälfte durch Verkauf seiner Arbeitskraft erwirbt), vom Halbproletarier zum Kleinbauern (und kleinen Handwerker, Hausindustriellen, Kleinbesitzer überhaupt), vom Kleinbauern zum Mittelbauern usw. umgeben wäre; wenn es innerhalb des Proletariats selbst nicht Unterteilungen in mehr oder minder entwickelte Schichten, Gliederungen nach Landsmannschaften, nach Berufen, manchmal nach Konfessionen usw. gäbe. Aus alledem aber ergibt sich für die Vorhut des Proletariats, für seinen klassenbewußten Teil, für die kommunistische Partei absolut unumgänglich die Notwendigkeit, die unbedingte Notwendigkeit, zu lavieren, Übereinkommen und Kompromisse mit verschiedenen proletarischen Gruppen, mit verschiedenen Parteien der Arbeiter und der Kleinbesitzer zu schließen. Es kommt nur darauf an, daß man es versteht, diese Taktik so anzuwenden, daß sie zur Hebung und nicht zur Senkung des allgemeinen Niveaus des proletarischen Klassenbewußtseins, des revolutionären Geistes, der Kampf- und Siegesfähigkeit beiträgt. Übrigens muß bemerkt werden, daß der Sieg der Bolschewiki über die Menschewiki nicht nur vor der Oktoberrevolution 1917, sondern auch nachher die Anwendung der Taktik des Lavierens, der Übereinkommen und Kompromisse erforderte, natürlich nur eines solchen Lavierens, solcher Übereinkommen und Kompromisse, die den Sieg erleichterten und beschleunigten und die Bolschewiki auf Kosten der Menschewiki festigten und stärkten. Die kleinbürgerlichen Demokraten (darunter auch die Menschewiki) schwanken unvermeidlich zwischen Bourgeoisie und Proletariat, zwischen bürgerlicher Demokratie und Sowjetsystem, zwischen Reformismus und Revolutionismus, zwischen Liebe zu den Arbeitern und Furcht vor der proletarischen Diktatur usw. Die richtige Taktik der Kommunisten muß darin bestehen, daß man diese Schwankungen ausnutzt, keineswegs darin, daß man sie ignoriert. Um sie auszunutzen, muß man Zugeständnisse an diejenigen Elemente machen, die sich dem Proletariat zuwenden, und zwar dann, wenn sie sich dem Proletariat zuwenden, und insoweit, wie sie sich dem Proletariat zuwenden – gleichzeitig aber muß man den Kampf gegen diejenigen führen, die zur Bourgeoisie abschwenken. Die Anwendung der richtigen Taktik hatte zur Folge, daß der Menschewismus bei uns immer mehr zerfiel und auch weiter zerfällt, daß die verbohrten opportunistischen Führer isoliert werden und daß die besten Arbeiter, die besten Elemente aus der kleinbürgerlichen Demokratie in unser Lager übergehen. Das ist ein langwieriger Prozeß, und durch einen übers Knie gebrochenen „Beschluß“: „keinerlei Kompromisse, keinerlei Lavieren!“ kann man dem Wachstum des Einflusses des revolutionären Proletariats und der Mehrung seiner Kräfte nur schaden.
Ein unzweifelhafter Fehler der „Linken“ in Deutschland ist schließlich, daß sie starrköpfig darauf bestehen, den Versailler Frieden nicht anzuerkennen. Je „solider“ und „gewichtiger“, je „entschiedener“ und kategorischer diese Ansicht z.B. von K. Horner formuliert wird, desto unkluger wirkt das. Es genügt nicht, sich von den himmelschreienden Absurditäten des „Nationalbolschewismus“ (Laufenbergs u.a.) loszusagen, der sich unter den gegenwärtigen Bedingungen der internationalen proletarischen Revolution – bis zu einem Block mit der deutschen Bourgeoisie zum Krieg gegen die Entente verstiegen hat. Man muß verstehen, daß eine Taktik von Grund aus falsch ist, die nicht zugeben will, daß es für ein Rätedeutschland (wenn bald eine deutsche Räterepublik entstehen sollte) unbedingt notwendig sein kann, den Versailler Frieden eine Zeitlang anzuerkennen und sich ihm zu fügen. Daraus folgt nicht, daß die „Unabhängigen“ recht hatten, die zu einer Zeit, als in der Regierung die Scheidemänner saßen, als die Rätemacht in Ungarn noch nicht gestürzt war, als die Möglichkeit der Unterstützung Räteungarns durch eine Räterevolution in Wien noch nicht ausgeschlossen war – die unter den damaligen Bedingungen forderten, daß der Versailler Friedensvertrag unterzeichnet werde. Damals lavierten und manövrierten die „Unabhängigen“ sehr schlecht, denn sie übernahmen mehr oder minder die Verantwortung für die verräterischen Scheidemänner und glitten mehr oder weniger vom Standpunkt des schonungslosen (und kaltblütig geführten) Klassenkrieges gegen die Scheidemänner auf einen Standpunkt „ohne Klassen“ oder „über den Klassen“ hinab.
Gegenwärtig ist aber die Lage unverkennbar so, daß die Kommunisten Deutschlands sich nicht die Hände binden und nicht versprechen dürfen, im Fall eines Sieges des Kommunismus den Versailler Friedensvertrag unbedingt und unter allen Umständen zu annullieren. Das wäre eine Dummheit. Sie müssen sagen: Die Scheidemänner und Kautskyaner haben eine Reihe von Verrätereien begangen, die das Bündnis mit Sowjetrußland und mit Räteungarn erschwert (zum Teil direkt unmöglich gemacht) haben. Wir Kommunisten werden ein solches Bündnis mit allen Mitteln erleichtern und vorbereiten, wobei wir keineswegs verpflichtet sind, den Versailler Frieden unbedingt, und zwar sofort zu annullieren. Die Möglichkeit, ihn mit Erfolg zu annullieren, hängt nicht nur von den deutschen, sondern auch von den internationalen Erfolgen der Rätebewegung ab. Diese Bewegung wurde von den Scheidemännern und Kautskyanern gehemmt, wir aber fördern sie. Das ist der Kern der Sache, das ist der grundlegende Unterschied. Und wenn unsere Klassenfeinde, die Ausbeuter, und ihre Lakaien, die Scheidemänner und Kautskyaner, eine ganze Reihe von Möglichkeiten verpaßt haben, die deutsche wie die internationale Rätebewegung, die deutsche wie die internationale Räterevolution zu stärken, so fällt die Schuld auf sie. Die Räterevolution in Deutschland wird die internationale Rätebewegung stärken, die das stärkste Bollwerk (und das einzig zuverlässige, unbezwingbare, international machtvolle Bollwerk) gegen den Versailler Frieden, gegen den internationalen Imperialismus überhaupt ist. Die Befreiung vom Versailler Frieden unbedingt, unter allen Umständen und unverzüglich an die erste Stelle, vor die Frage nach der Befreiung der anderen vom Imperialismus unterdrückten Länder vom Joch des Imperialismus zu setzen ist kleinbürgerlicher Nationalismus (der Kautsky, Hilferding, Otto Bauer und Co. würdig), aber kein revolutionärer Internationalismus. Der Sturz der Bourgeoisie in einem beliebigen großen europäischen Land, darunter auch in Deutschland, ist ein solches Plus für die internationale Revolution, daß man seinetwegen – wenn es notwendig sein sollte – auf eine längere Gültigkeit des Versailler Friedens eingehen kann und muß. Wenn Rußland allein imstande war, zum Nutzen für die Revolution mehrere Monate lang den Brester Frieden zu ertragen, so ist nichts Unmögliches daran, daß ein Rätedeutschland im Bunde mit Sowjetrußland zum Nutzen für die Revolution eine längere Gültigkeit des Versailler Friedens erträgt.
Die Imperialisten Frankreichs, Englands usw. provozieren die deutschen Kommunisten, stellen ihnen eine Falle: „Sagt doch, daß ihr den Versailler Frieden nicht unterschreiben werdet!“ Und die linken Kommunisten gehen wie Kinder in die ihnen gestellte Falle, anstatt geschickt gegen den heimtückischen und im gegebenen Augenblick stärkeren Feind zu manövrieren, anstatt ihm zu sagen: „Jetzt werden wir den Versailler Frieden unterschreiben.“ Sich im voraus die Hände zu binden, dem Feind, der heute besser gerüstet ist als wir, offen zu sagen, ob und wann wir mit ihm Krieg führen werden, ist eine Dummheit und keine revolutionäre Tat. Den Kampf aufzunehmen, wenn das offenkundig für den Feind und nicht für uns günstig ist, ist ein Verbrechen, und Politiker der revolutionären Klasse, die nicht „zu lavieren, Übereinkommen und Kompromisse zu schließen“ verstehen, um einem offenkundig unvorteilhaften Kampf auszuweichen, sind keinen Pfifferling wert.
Bearbeitungshinweis
Oben stehende Texte wurde aus frei zugänglichen Onlinequellen mit der Buchausgabe „7. Auflage 1978, Dietz Verlag Berlin Lenin Werke Band 31, 1. deutsche Auflage 1959“ abgeglichen. Hervorhebungen, Fußnoten und erläuternde Ergänzungen haben wir stillschweigend übernommen. Wir können trotz besten Wissens und Gewissens keine Gewähr übernehmen. Wir halten es trotzdem für wichtig, niederschwellige und thematisch ausgewählte Klassikertexte zum Selbstdruck und -verbreitung zur Verfügung zu stellen.
„Unsere Theorie ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln.“ – Engels
1 Nach der Februarrevolution von 1917 veränderte sich die Mitgliederzahl bis 1919 folgendermaßen: Zur Zeit der VII. Gesamtrussischen Konferenz (Aprilkonferenz) der SDAPR(B) im Jahre 1917 zählte die Partei 80.000, zur Zeit des Vl. Parteitags der SDAPR(B) im Juli-August 1917 rund 240.000, zur Zeit des VII. Parteitags der KPR(B) im März 1918 mindestens 300.000 und zur Zeit des VIII. Parteitags der KPR(B) im März 1919 313.766 Mitglieder.
2 Siehe W.I. Lenin, Werke, Bd.30, S.242-265.
3 Siehe Karl Marx /Friedrich Engels, Werke, Bd.29, Berlin 1967, S.358.
4 „Industriearbeiter der Welt“ (Industrial Workers of the World – IWW) – Gewerkschaftsorganisation der amerikanischen Arbeiter, die 1905 gegründet wurde. Während der Massenstreikbewegung, die sich unter dem Einfluß der russischen Revolution 1905-1907 in den USA entfaltete, führten die „Industriearbeiter der Welt“ eine Reihe erfolgreicher Streiks durch und bekämpften die Politik der reformistischen Führer der „Amerikanischen Föderation der Arbeit“ sowie der rechten Sozialisten. Einige Führer der IWW begrüßten die Sozialistische Oktoberrevolution und traten der Kommunistischen Partei Amerikas bei. Gleichzeitig zeigten sich in der Tätigkeit der Organisation anarchosyndikalistische Züge. Die anarchosyndikalistischen Führer der IWW lehnten 1920 entgegen dem Willen ihrer Mitglieder den Aufruf des EKKI, der Kommunistischen Internationale beizutreten, ab. Dabei machten sie sich die Tatsache zunutze, daß viele revolutionäre Führer der IWW eingekerkert waren.
5 Die Gompers, Henderson, Jouhaux und Legien sind nichts anderes als solche Subatow, die sich von unserem Subatow nur durch das europäische Kostüm, den europäischen Schliff, durch die zivilisierten, verfeinerten, demokratisch verbrämten Methoden unterscheiden, mit denen sie ihre niederträchtige Politik betreiben.
6 Ich hatte zuwenig Gelegenheit, den „linken“ Kommunismus in Italien kennenzulernen. Unzweifelhaft sind Gen. Bordiga und seine Fraktion der „kommunistischen Boykottisten“ (Comunista astensionista) im Unrecht, wenn sie die Nichtbeteiligung am Parlament verfechten. In einem Punkt aber scheint Gen. Bordiga recht zu haben – soweit man sich auf Grund von zwei Nummern seiner Zeitung „ll Soviet“ (Nr.3 und 4 vom 18.1. und 1.2.1920), vier Heften der vortrefflichen Zeitschrift des Gen. Serrati „Comunismo“ (Nr.1-4 vom 1.10. bis 30.11.1919) und einzelner Nummern italienischer bürgerlicher Zeitungen, die zu lesen ich Gelegenheit hatte, ein Urteil bilden kann. Und zwar sind Gen. Bordiga und seine Fraktion im Recht mit ihren Angriffen gegen Turati und dessen Gesinnungsgenossen, die in einer Partei bleiben, welche die Sowjetmacht und die Diktatur des Proletariats anerkannt hat, die Mitglieder des Parlaments bleiben und ihre überaus schädliche, alte, opportunistische Politik fortsetzen. Natürlich machen Gen. Serrati und die gesamte „Italienische Sozialistische Partei“ [1*] dadurch, daß sie das dulden, einen Fehler, der ebenso großen Schaden anzurichten und eine ebenso große Gefahr heraufzubeschwören droht, wie das in Ungarn der Fall war, wo die ungarischen Herren Turati sowohl die Partei als auch die Rätemacht von innen heraus sabotierten. Dieses falsche, inkonsequente oder charakterlose Verhalten gegenüber den opportunistischen Parlamentariern erzeugt einerseits den „linken“ Kommunismus und rechtfertigt anderseits bis zu einem gewissen Grade dessen Existenz. Gen. Serrati hat offenkundig unrecht, wenn er dem Abgeordneten Turati „Inkonsequenz“ vorwirft („Comunismo“ Nr.3), denn inkonsequent ist gerade die Italienische Sozialistische Partei, die solche opportunistischen Parlamentarier wie Turati und Co. duldet.
Anmerkung [1*]: Die Italienische Sozialistische Partei wurde 1892 als „Partei der italienischen Arbeiter“ gegründet und 1893 in „Italienische Sozialistische Partei“ umbenannt. Nach dem Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Rußland verstärkte sich der linke Flügel in der Italienischen Sozialistischen Partei. Im Januar 1921, auf dem Parteitag von Livorno, brachen die Linken mit der Sozialistischen Partei, beriefen einen eigenen Parteitag ein und gründeten die Kommunistische Partei Italiens.
7 Siehe Friedrich Engels, „Programm der blanquistischen Kommuneflüchtlinge“, in Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd.18, Berlin 1969, S.533.
8 In jeder Klasse, sogar unter den Verhältnissen des aufgeklärtesten Landes, sogar in der fortgeschittensten Klasse, die durch die Zeitumstände zu einem außerordentlich hohen Aufschwung aller geistigen Kräfte gelangt ist, gibt es immer Vertreter der Klasse – und wird es, solange Klassen bestehen, solange sich die klassenlose Gesellschaft nicht völlig konsolidiert, gefestigt und auf ihrer eigenen Grundlage entwickelt hat, unvermeidlich immer Vertreter der Klasse geben –, die nicht denken und nicht fähig sind zu denken. Der Kapitalismus wäre nicht der Kapitalismus, der die Massen unterdrückt, wenn dem nicht so wäre.
9 Lenin bezieht sich auf eine Stelle in dem Brief von Friedrich Engels an F.A. Sorge vom 29. November 1886, wo Engels die in Amerika lebenden deutschen sozialdemokratischen Emigranten kritisiert und sagt, für sie sei die Theorie „ein Credo, keine Anleitung zum Handeln“. (Siehe Friedrich Engels, Werke, Bd.36, Berlin 1967, S.578.)
10 Siehe N. G. Tschernyschewski, Ausgewählte ökonomische Schriften, Bd.II, Moskau 1948, S.550, russ.
