Die bürgerlichen Schriftsteller schrieben und schreiben ganze Berge von Papier voll, um die Konkurrenz, den privaten Unternehmungsgeist und sonstige prächtige Tugenden und Reize der Kapitalisten und der kapitalistischen Ordnung zu verherrlichen. Den Sozialisten wurde vorgeworfen, sie wollten die Bedeutung dieser Tugenden nicht erkennen und der „Natur des Menschen” nicht Rechnung tragen. In Wirklichkeit aber hat der Kapitalismus längst die selbständige kleine Warenproduktion, unter der die Konkurrenz in einigermaßen breitem Ausmaß Unternehmungsgeist, Energie, kühne Initiative entwickeln konnte, durch die fabrikmäßige Produktion in Groß- und Riesenbetrieben, durch Aktiengesellschaften, Syndikate und andere Monopole ersetzt. Die Konkurrenz unter einem solchen Kapitalismus bedeutet eine unerhört brutale Unterdrückung des Unternehmungsgeistes, der Energie und der kühnen Initiative der Massen der Bevölkerung, der gigantischen Mehrheit der Bevölkerung, von neunundneunzig Prozent der Werktätigen, bedeutet ferner, auf den oberen Sprossen der sozialen Leiter, die Ersetzung des Wettbewerbs durch Finanzschwindel, Despotismus, Liebedienerei.
Der Sozialismus erstickt keineswegs den Wettbewerb, im Gegenteil, er schafft erstmalig die Möglichkeit, ihn wirklich auf breiter Grundlage, wirklich im Massenumfang anzuwenden, die Mehrheit der Werktätigen wirklich auf ein Tätigkeitsfeld zu führen, auf dem sie sich hervortun, ihre Fähigkeiten entfalten, jene Talente offenbaren können, die das Volk, einem unversiegbaren Quell gleich, hervorbringt und die der Kapitalismus zu Tausenden und Millionen zertreten, niedergehalten und erdrückt hat.
Jetzt, da eine sozialistische Regierung an der Macht ist, besteht unsere Aufgabe darin, den Wettbewerb zu organisieren.
Die Nachläufer und Kostgänger der Bourgeoisie schilderten den Sozialismus als einförmige, eintönige, graue Staatskaserne. Die Lakaien des Geldsacks, die Soldknechte der Ausbeuter, die Herren bürgerlichen Intellektuellen, „schreckten“ mit dem Sozialismus das Volk, das gerade unter dem Kapitalismus zur Zwangsarbeit und zum Kasernendasein, zur übermäßigen, eintönigen Arbeit, zum Hungerdasein und zu entsetzlichem Elend verurteilt ist. Der erste Schritt zur Befreiung der Werktätigen von dieser Zwangsarbeit ist die Konfiskation der Ländereien der Gutsbesitzer, die Einführung der Arbeiterkontrolle, die Nationalisierung der Banken. Die nächsten Schritte werden sein: die Nationalisierung der Fabriken und Werke, der zwangsweise Zusammenschluß der gesamten Bevölkerung in Konsumgenossenschaften, die gleichzeitig Absatzgenossenschaften sind, die Einführung des Staatsmonopols für den Getreidehandel und für den Handel mit anderen notwendigen Gütern.
Erst jetzt wird in breitem Maße, wahrhaft für die Massen, die Möglichkeit geschaffen, Unternehmungsgeist, Wettbewerb und kühne Initiative zu entfalten. Jede Fabrik, aus der der Kapitalist hinausgeworfen wurde, oder wo er zumindest durch eine wirkliche Arbeiterkontrolle im Zaum gehalten wird, jedes Dorf, wo der Ausbeuter, der Gutsbesitzer, ausgeräuchert und sein Boden beschlagnahmt wurde, ist jetzt, erst jetzt zu einem Betätigungsfeld geworden, auf dem der Arbeitsmann sich hervortun, auf dem er den Rücken ein wenig geradebiegen, sich aufrichten und sich als Mensch fühlen kann. Zum erstenmal nach Jahrhunderten der Arbeit für andere, der unfreien Arbeit für die Ausbeuter, bietet sich ihm die Möglichkeit, für sich selbst zu arbeiten, und zwar zu arbeiten, gestützt auf alle Errungenschaften der modernen Technik und Kultur.
Natürlich kann diese in der Geschichte der Menschheit gewaltigste Ablösung der unfreien Arbeit durch die Arbeit für sich selbst nicht ohne Reibungen, Schwierigkeiten, Konflikte, nicht ohne Gewaltanwendung gegenüber den eingefleischten Schmarotzern und ihrem Anhang vor sich gehen. Darüber macht sich kein einziger Arbeiter Illusionen: die in langen, langen Jahren der Zwangsarbeit für die Ausbeuter, die durch endlosen Hohn und Schimpf seitens der Ausbeuter abgehärteten und durch schwere Not gestählten Arbeiter und armen Bauern wissen, daß man Zeit
braucht, um den Widerstand der Ausbeuter zu brechen. Die Arbeiter und Bauern sind nicht im geringsten von den sentimentalen Illusionen der Herren Intelligenzler, dieser ganzen haltlosen Bande von der „Nowaja Shisn” usw.. angesteckt, die sich gegen die Kapitalisten heiser „schrien”, gegen sie „gestikulierten”, sie „verdonnerten”, um zu heulen und sich wie verprügelte junge Hunde zu benehmen, als es zum Handeln, zur Verwirklichung der Drohungen, zur praktischen Durchführung des Sturzes der Kapitalisten kam.
Die große Sache der Ablösung der unfreien Arbeit durch die Arbeit für sich selbst, durch die in gigantischem, gesamtstaatlichem Maßstab (in gewissem Grade auch im internationalen, im Weltmaßstab) planmäßig organisierte Arbeit, erfordert außer „militärischen“ Maßnahmen zur Unterdrückung des Widerstands der Ausbeuter auch riesige organisatorische Anstrengungen des Proletariats und der armen Bauernschaft. Die organisatorische Aufgabe ist mit der Aufgabe der schonungslosen militärischen Niederhaltung der Sklavenhalter von gestern (der Kapitalisten) und der Meute ihrer Lakaien, der Herren bürgerlichen Intellektuellen, zu einem untrennbaren Ganzen verflochten. Wir waren immer die Organisatoren und Leiter, wir haben kommandiert – sagen und denken die Sklavenhalter von gestern und ihre Handlanger aus den Reihen der Intellektuellen -, wir wollen es auch weiter bleiben, wir werden dem „einfachen Volk“, den Arbeitern und Bauern, nicht gehorchen, wir werden uns ihnen nicht unterordnen, wir werden unser Wissen in eine Waffe zur Verteidigung der Vorrechte des Geldsacks und der Herrschaft des Kapitals über das Volk verwandeln.
So reden, denken und handeln die Bourgeois und die bürgerlichen Intellektuellen. Von ihrem selbstsüchtigen Standpunkt aus ist ihr Verhalten begreiflich: Den Speichelleckern und Kostgängern der Fronherren, den Pfaffen, Amtsschreibern, Beamten, wie sie Gogol schilderte, den „Intellektuellen“, die Belinski haßten, fiel es ebenfalls „schwer“, sich von der Leibeigenschaft zu trennen. Aber die Sache der Ausbeuter und ihres Intellektuellentrosses ist eine aussichtslose Sache. Die Arbeiter und Bauern brechen ihren Widerstand – leider noch nicht entschieden, energisch und rücksichtslos genug – und werden ibn endgültig brechen.
„Sie“ glauben, daß das „einfache Volk”, die „einfachen“ Arbeiter und armen Bauern mit der gewaltigen, im weltgeschichtlichen Sinne des Wortes wahrhaft heroischen Aufgabe organisatorischen Charakters, vor die die sozialistische Revolution die Werktätigen gestellt hat, nicht fertig werden. „Ohne uns werden sie nicht auskommen”, trösten sich die Intellektuellen, die gewohnt sind, den Kapitalisten und dem kapitalistischen Staat zu dienen. Ihre dreisten Erwartungen werden sich nicht erfüllen: schon jetzt treten gebildete Menschen hervor, die auf die Seite des Volkes, auf die Seite der Werktätigen übergehen und diesen helfen, den Widerstand der Lakaien des Kapitals zu brechen. Organisatorische Talente gibt es unter der Bauernschaft und in der Arbeiterklasse eine Menge, und diese Talente beginnen eben erst, sich ihrer selbst bewußt zu werden, zu erwachen, nach lebendiger, schöpferischer, großer Arbeit zu streben, den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft selbständig in Angriff zu nehmen.
Eine der wichtigsten Aufgaben, wenn nicht die wichtigste, besteht jetzt darin, diese selbständige Initiative der Arbeiter und überhaupt aller Werktätigen und Ausgebeuteten bei der schöpferischen organisatorischen Arbeit in möglichst breitem Umfang zu entwickeln. Mit dem alten, albernen, unsinnigen, schändlichen und niederträchtigen Vorurteil, nur die sogenannten „höheren Klassen“, nur die Reichen oder diejenigen, die durch die Schule der reichen Klassen gegangen sind, seien imstande, den Staat zu verwalten, den organisatorischen Aufbau der sozialistischen Gesellschaft zu leiten, muß unter allen Umständen aufgeräumt werden.
Das ist ein Vorurteil. Aufrechterhalten wird es durch den faulen Hang zum Alten, die Verknöcherung, die sklavische Gewohnheit und noch mehr durch den schmutzigen Eigennutz der Kapitalisten, die daran interessiert sind, zu regieren und dabei zu plündern – zu plündern und dabei zu regieren. Nein! Die Arbeiter werden keinen Augenblick vergessen, daß ihnen die Macht des Wissens not tut. Der ungewöhnliche Drang nach Bildung, den die Arbeiter an den Tag legen, gerade jetzt an den Tag legen, ist ein Beweis dafür, daß man sich in dieser Hinsicht im Proletariat keinem Irrtum hingibt noch hingeben kann. Der Arbeit eines Organisators ist aber auch der einfache Arbeiter und Bauer gewachsen, der lesen und schreiben kann, der Menschenkenntnis und praktische Erfahrung besitzt. Unter dem „einfachen Volk”, von dem die bürgerlichen Intellektuellen so hochmütig und geringschätzig reden, gibt es eine Masse solcher Leute. Die Arbeiterklasse und die Bauernschaft sind ein noch unberührter und unversiegbarer Quell solcher Talente.
Die Arbeiter und Bauern sind noch „zaghaft”, sie haben sich noch nicht daran gewöhnt, daß sie jetzt die herrschende Klasse sind, sie sind noch nicht entschlossen genug. Diese Eigenschaften konnte der Umsturz in Millionen und aber Millionen Menschen, die ihr ganzes Leben lang durch Hunger und Not gezwungen waren, unter der Knute zu arbeiten, nicht mit einem Schlag hervorrufen. Aber gerade darin besteht die Stärke, darin besteht die Lebenskraft, die Unbesiegbarkeit der Oktoberrevolution von 1917, daß sie diese Eigenschaften weckt, alle alten Schranken zerbricht, die morschen Fesseln sprengt, die Werktätigen auf den Weg des selbständigen schöpferischen Aufbaus eines neuen Lebens führt.
Rechnungsführung und Kontrolle – das ist die wichtigste wirtschaftliche Aufgabe eines jeden Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten, einer jeden Konsumgenossenschaft, eines jeden Versorgungsverbandes oder -komitees, eines jeden Betriebskomitees oder Organs der Arbeiterkontrolle überhaupt.
Der Kampf gegen die alte Gewohnheit – das Arbeitsmaß und die Produktionsmittel vom Standpunkt des unfreien Menschen zu betrachten, der danach strebt, eine Last mehr loszuwerden, der Bourgeoisie wenigstens einen Happen zu entreißen -, dieser Kampf ist unerläßlich. Diesen Kampf haben die fortgeschrittenen, klassenbewußten Arbeiter bereits damit begonnen, daß sie jenen Neulingen unter den Arbeitern eine entschiedene Abfuhr erteilen, die während des Krieges besonders zahlreich in die Fabriken gekommen sind und die jetzt die Fabrik des Volkes, die Fabrik, die Eigentum des Volkes geworden ist, so betrachten wollen, wie sie es früher getan haben, als sie nur den einen Gedanken kannten, „möglichst viel herauszuschlagen und sich davonzumachen”. Alle bewußten, ehrlichen, denkenden Elemente der Bauernschaft und der werktätigen Massen werden in diesem Kampf auf die Seite der fortgeschrittenen Arbeiter treten.
Rechnungsführung und Kontrolle, wenn sie von den Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten als der obersten Staatsmacht oder auf Anweisung, im Auftrag dieser Staatsmacht ausgeübt wird, allerorts durchzuführende, allgemeine, universelle Rechnungsführung und Kontrolle, Rechnungsführung und Kontrolle über die Arbeitsmenge und über die Verteilung der Produkte – darin besteht das Wesen der sozialistischen Umgestaltung, nachdem die politische Herrschaft des Proletariats begründet und gesichert ist.
Die Rechnungsführung und Kontrolle, die für den Übergang zum Sozialismus unentbehrlich ist, kann nur das Werk der Massen sein. Nur durch die freiwillige und gewissenhafte, mit revolutionärem Enthusiasmus geleistete Mitarbeit der Massen der Arbeiter und Bauern an der Rechnungsführung und Kontrolle über die Reichen, die Gauner, die Müßiggänger und Rowdys ist es möglich, diese Überbleibsel der fluchbeladenen kapitalistischen Gesellschaft, diesen Auswurf der Menschheit, diese rettungslos verfaulten und verkommenen Elemente, diese Seuche, diese Pest, diese Eiterbeule zu besiegen, die der Kapitalismus dem Sozialismus als Erbschaft hinterlassen hat.
Arbeiter und Bauern! Werktätige und Ausgebeutete! Der Grund und Boden, die Banken, die Fabriken, die Werke sind Eigentum des ganzen Volkes geworden! Nehmt selbst die Rechnungsführung und Kontrolle über die Produktion und die Verteilung der Produkte in die Hand – darin und nur darin liegt der Weg zum Sieg des Sozialismus, die Bürgschaft für seinen Sieg, die Bürgschaft für den Sieg über jede Ausbeutung, über Not und Elend! Denn in Rußland ist genug Getreide, Eisen, Holz, Wolle, Baumwolle und Flachs für alle da. Man muß nur die Arbeit und die Erzeugnisse richtig verteilen, man muß nur eine allgemeine sachliche, praktische Kontrolle des ganzen Volkes über diese Verteilung einführen und nicht nur in der Politik, sondern auch im täglichen wirtschaftlichen Leben die Volksfeinde, die Reichen und ihre Kostgänger, sodann die Gauner, Müßiggänger und Rowdys besiegen.
Für diese Feinde des Volkes, für diese Feinde des Sozialismus und der Werktätigen darf es keine Schonung geben. Kampf auf Leben und Tod gegen die Reichen und ihre Kostgänger, die bürgerlichen Intellektuellen, gegen die Gauner, Müßiggänger und Rowdys. Die einen wie die anderen, diese wie jene, sind leibliche Brüder, Sprößlinge des Kapitalismus, Sprößlinge der feudalen und der bürgerlichen Gesellschaft, einer Gesellschaft, in der ein kleines Häuflein das Volk ausplünderte und das Volk verhöhnte, einer Gesellschaft, in der Not und Elend Tausende und aber Tausende auf den Weg des Rowdytums, der Bestechlichkeit, der Gaunerei stieß und sie aller menschlichen Züge beraubte, einer Gesellschaft, in der unvermeidlich bei den Werktätigen das Bestreben entwickelt wurde: der Ausbeutung zu entrinnen, sei es auch durch Betrug, sich her-
auszuwinden, die widerwärtige Arbeit loszuwerden, sei es auch nur für einen Augenblick, auf irgendeine Weise, koste es, was es wolle, wenigstens ein Stück Brot herauszuschlagen, um nicht zu um nicht samt der Familie am Hungertuch zu nagen.
Die Reichen und die Gauner – das sind zwei Seiten ein und derselben Medaille, zwei Hauptarten von Parasiten, die der Kapitalismus großgezogen hat, sie sind die Hauptfeinde des Sozialismus; diese Feinde müssen unter die besondere Aufsicht der ganzen Bevölkerung gestellt werden; gegen sie muß rücksichtslos vorgegangen werden, sobald sie die Regeln und Gesetze der sozialistischen Gesellschaft auch nur im geringsten übertreten. Jede Schwäche, jedes Schwanken, jede Sentimentalität in dieser Hinsicht wäre das größte Verbrechen am Sozialismus.
Um die sozialistische Gesellschaft vor diesen Parasiten zu sichern, muß man eine allgemeine, von Millionen und aber Millionen Arbeitern und Bauern freiwillig, energisch, mit revolutionärem Enthusiasmus unterstützte Rechnungsführung und Kontrolle über die Menge der Arbeit, die Produktion und die Verteilung der Produkte organisieren. Um aber diese Rechnungsführung und Kontrolle zu organisieren, die jeder ehrliche, verständige und tüchtige Arbeiter und Bauer durchaus bewältigen kann, der er durchaus gewachsen ist, muß man die aus den Reihen der Arbeiter und Bauern selbst hervorgehenden organisatorischen Talente zum Leben erwecken, muß man unter ihnen den Wettbewerb um organisatorische Erfolge entfachen und im gesamtstaatlichen Maßstab in Gang bringen, müssen die Arbeiter und Bauern klar den Unterschied erkennen zwischen dem notwendigen Ratschlag des gebildeten Menschen und der notwendigen Kontrolle des „einfachen“ Arbeiters und Bauern über die Schlamperei, die bei den „Gebildeten” eine so gewöhnliche Erscheinung ist.
Diese Schlamperei, Nachlässigkeit, Unordentlichkeit, Ungenauigkeit, die nervöse Hast, die Neigung, Taten durch Diskussionen, Arbeit durch Gerede zu ersetzen, diese Neigung, alles in der Welt anzufangen und nichts zu Ende zu führen, ist eine jener Eigenschaften der „Gebildeten“, die sich keineswegs aus ihrer schlechten Natur und noch weniger aus Böswilligkeit, sondern aus allen ihren Lebensgewohnheiten, ihren Arbeitsverhältnissen, ihrer Übermüdung, der anormalen Trennung der geistigen Arbeit von der körperlichen usw. usf. Ergeben.
Unter den Fehlern, Mängeln, Mißgriffen unserer Revolution spielen jene Fehler usw. eine nicht geringe Rolle, die durch diese bedauerlichen – aber im gegebenen Augenblick unvermeidlichen – Eigenschaften der Intellektuellen aus unserer Mitte und durch das Fehlen einer genügenden Kontrolle der Arbeiter über die organisatorische Arbeit der Intellektuellen verursacht werden.
Die Arbeiter und Bauern sind noch „zaghaft”; davon müssen sie sich befreien und werden sie sich zweifellos befreien. Ohne Ratschläge, ohne Anleitung durch die Gebildeten, die Intellektuellen, die Fachleute kann man nicht auskommen. Jeder halbwegs verständige Arbeiter und Bauer versteht das sehr gut, und die Intellektuellen in unserer Mitte können sich nicht über Mangel an Aufmerksamkeit und kameradschaftlicher Achtung seitens der Arbeiter und Bauern beklagen. Aber eine Sache sind Ratschläge und Anleitung – eine andere Organisierung der praktischen Rechnungsführung und Kontrolle. Die Intellektuellen geben sehr oft ausgezeichnete Ratschläge und Anleitungen, es ist jedoch geradezu lächerlich, absurd, schändlich, wie „linkisch”, wie unfähig sie sind, diese Ratschläge und Anleitungen durchzuführen und eine praktische Kontrolle darüber zu schaffen, daß das Wort auch zur Tat werde.
Hier kann man auf keinen Fall ohne die Hilfe und ohne die führende Rolle der Organisatoren, der Praktiker aus dem „Volke”, aus den Reihen der Arbeiter und werktätigen Bauern auskommen. „Nicht Götter brennen die Tontöpfe!” Diese Wahrheit müssen sich die Arbeiter und Bauern ganz besonders fest einprägen. Sie müssen begreifen, daß jetzt alles auf die Praxis ankommt, daß gerade jener geschichtliche Augenblick eingetreten ist, wo die Theorie in die Praxis umgesetzt wird, durch die Praxis belebt, durch die Praxis korrigiert, durch die Praxis erprobt wird, wo die Marxschen Worte sich besonders bewahrheiten: „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme”1 jeder Schritt der praktischen, wirklichen Zügelung und Beschränkung, der restlosen Erfassung und Überwachung der Reichen und Gauner ist wichtiger als ein Dutzend ausgezeichneter Betrachtungen über den Sozialismus. Denn „grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum”.
Es gilt, einen Wettbewerb der praktischen Organisatoren aus den Reihen der Arbeiter und Bauern untereinander zu organisieren. Jede
Schablone und jeder Versuch, von oben her ein Schema festzulegen, wozu die Intellektuellen so sehr neigen, muß bekämpft werden. Mit demokratischem und sozialistischem Zentralismus haben weder die Schablone noch das Festlegen eines Schemas von oben her irgend etwas gemein. Die Einheit im Grundlegenden, im Wichtigsten, im Wesentlichen wird nicht gestört, sondern gesichert durch die Mannigfaltigkeit der Einzelheiten, der lokalen Besonderheiten, der Methoden des Herangehens an die Dinge, der Methoden der Durchführung der Kontrolle, der Wege zur Ausrottung und Unschädlichmachung der Parasiten (der Reichen und Gauner, der Tagediebe und Hysteriker unter der Intelligenz usw. usf.).
Die Pariser Kommune war ein großes Vorbild dafür, wie Initiative, Selbständigkeit, Freiheit der Bewegung, Schwungkraft von unten mit einem freiwilligen, dem Schablonenhaften fremden Zentralismus verbunden sein können. Unsere Sowjets gehen denselben Weg. Aber sie sind noch „zaghaft”, sie haben noch nicht den richtigen Schwung, haben sich noch nicht in ihre neue, große, schöpferische Arbeit zur Schaffung der sozialistischen Ordnung „hineingekniet”. Die Sowjets müssen mit größerer Kühnheit und Initiative an die Arbeit gehen. Jede „Kommune” – jede beliebige Fabrik, jedes beliebige Dorf, jede beliebige Konsumgenossenschaft, jedes beliebige Versorgungskomitee, sie alle müssen, untereinander im Wettbewerb stehend, als praktische Organisatoren der Rechnungsführung und Kontrolle über die Arbeit und die Verteilung der Produkte auftreten. Das Programm dieser Rechnungsführung und Kontrolle ist einfach, klar, jedem verständlich: Jeder soll Brot haben, alle sollen feste Schuhe und ordentliche Kleidung tragen, eine warme Wohnung haben, gewissenhaft arbeiten; kein einziger Gauner (auch keiner von denen, die sich vor der Arbeit drücken) darf frei herumspazieren, sondern muß im Gefängnis sitzen oder schwerste Zwangsarbeit verrichten; kein einziger Reicher, der die Regeln und Gesetze des Sozialismus verletzt, darf dem Schicksal des Gauners entgehen, das mit Recht das Schicksal des Reichen werden muß. „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen!” – das ist das praktische Gebot des Sozialismus. Das ist es, was in der Praxis durchgeführt werden muß. Auf solche praktischen Erfolge sollen unsere „Kommunen” und unsere Organisatoren aus den Reihen der Arbeiter und Bauern und um so mehr aus den Reihen der Intellektuellen stolz sein (um so mehr, weil sie sich zu sehr, allzu sehr daran gewöhnt haben, auf ihre allgemeinen Anweisungen und Resolutionen stolz zu sein).
Tausenderlei Formen und Methoden der praktischen Rechnungsführung und Kontrolle über die Reichen, über die Gauner und Müßiggänger müssen von den Kommunen selbst, von den kleinen Zellen in Stadt und Land ausgearbeitet und in der Praxis erprobt werden. Mannigfaltigkeit ist hier eine Bürgschaft für Lebensfähigkeit, Gewähr für die Erreichung des gemeinsamen, einheitlichen Ziels: Der Säuberung der russischen Erde von allem Ungeziefer, von den Flöhen – den Gaunern, von den Wanzen – den Reichen usw. usf. An einem Ort wird man zehn Reiche, ein Dutzend Gauner, ein halbes Dutzend Arbeiter, die sich vor der Arbeit drücken (ebenso flegelhaft wie viele Setzer in Petrograd, besonders in den Parteidruckereien), ins Gefängnis stecken. An einem anderen Ort wird man sie die Klosetts reinigen lassen. An einem dritten Ort wird man ihnen nach Abbüßung ihrer Freiheitsstrafe gelbe Pässe aushändigen, damit das ganze Volk sie bis zu ihrer Besserung als schädliche Elemente überwache. An einem vierten Ort wird man einen von zehn, die sich des Parasitentums schuldig machen, auf der Stelle erschießen. An einem fünften Ort wird man eine Kombination verschiedener Mittel ersinnen und zum Beispiel durch eine bedingte Freilassung eine rasche Besserung jener Elemente unter den Reichen, den bürgerlichen Intellektuellen, den Gaunern und Rowdys erzielen, die der Besserung fähig sind. Je mannigfaltiger, desto besser, desto reicher wird die allgemeine Erfahrung sein, desto sicherer und rascher wird der Erfolg des Sozialismus sein, desto leichter wird die Praxis – denn nur die Praxis ist dazu imstande – die besten Methoden und Mittel des Kampfes herausarbeiten.
In welcher Kommune, in welchem Viertel einer großen Stadt, in welcher Fabrik, in welchem Dorf gibt es keine Hungernden, keine Arbeitslosen, keine reichen Müßiggänger, keine Halunken, Lakaien der Bourgeoisie, Saboteure, die sich Intellektuelle nennen? Wo ist mehr getan worden für die Steigerung der Produktivität der Arbeit, für den Bau. neuer guter Häuser für die Armen, für ihre Unterbringung in den Häusern der Reichen, für die regelmäßige Versorgung jedes Kindes armer Familien mit einer Flasche Milch? Das sind die Fragen, um die sich der Wettbewerb der Kommunen, der Gemeinden, der Konsum- und Produktivvereine und -genossenschaften, der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten entfalten muß. Das ist die Arbeit, bei der in der Praxis die organisatorischen Talente hervortreten und zur Teilnahme an der Verwaltung des ganzen Staates aufrücken müssen. Es gibt viele solcher Talente im Volk. Sie sind nur niedergehalten worden. Man muß ihnen helfen, sich zu entfalten. Sie und nur sie können, unterstützt von den Massen, Rußland und die Sache des Sozialismus retten.
Geschrieben 25.-28. Dezember 1917
(7.-10. Januar 1918). ; :
Zuerst veröffentlicht am 20. Januar 1929
Nach dem Manuskript. in der „Prawda“ Nr. 17.
Unterschrift: W.Lenin.
Bearbeitungshinweis
Oben stehender Text wurde aus frei zugänglichen Onlinequellen mit der Buchausgabe „Lenin: Werke Band 26 S.402-414, Dietz Verlag“ abgeglichen. Hervorhebungen, Fußnoten und erläuternde Ergänzungen haben wir stillschweigend übernommen. Wir können trotz besten Wissens und Gewissens keine Gewähr übernehmen. Wir halten es trotzdem für wichtig, niederschwellige und thematisch ausgewählte Klassikertexte zum Selbstdruck und -verbreitung zur Verfügung zu stellen.
„Unsere Theorie ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln.“ – Engels
1Siehe Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Briefe, Berlin 1953, S.351. 411
