Die Kommunistische Partei hat in der Frauenfrage ihre grundsätzliche Auffassung nicht irgendwie zu revidieren. Sie hält daran fest, daß die Frauenfrage keine Frage „an und für sich“ sei, die durch Reformen zugunsten des weiblichen Geschlechtes auf dem Boden der kapitalistischen Wirtschaft und innerhalb der bürgerlichen Ordnung gelöst werden könne. Unserer Überzeugung nach ist die Frauenfrage nur ein Teil der großen sozialen Frage, und sie kann nur mit ihr zusammen gelöst werden, wenn das Proletariat den Kapitalismus zerschmettert und den Kommunismus aufbaut im gemeinsamen Kampfe aller Ausgebeuteten, aller Unterdrückten ohne Unterschied des Geschlechts.
Die Gegenwart hat durchaus bestätigt, was uns die Geschichte lehrt. Nämlich, daß das Privateigentum die letzte und festeste Wurzel der Minderberechtigung des weiblichen Geschlechtes ist, daß nur mit der Aufhebung des Privateigentums die Frau volle soziale und volle menschliche Freiheit erhalten kann. Solange das Privateigentum weiter besteht, wird alle bürgerliche Frauenrechtlerei nichts an der Tatsache ändern, daß die Frau der breitesten Masse, die Frau des werktätigen Volkes, entweder dank ihrer Berufsarbeit ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Mann und von der Familie erlangen kann, aber dann als Ausgebeutete auf Grund der Klassengegensätze unter die Ausbeutung und Knechtschaft eines Kapitalisten und unter die Knechtschaft der ganzen kapitalistischen Gesellschaft gerät, oder aber daß sie als Weib wirtschaftlich abhängig bleibt von der Familie. Einzig und allein die kommunistische Ordnung beseitigt das Privateigentum und damit die Grundlage für die Beherrschung, Rechtlosmachung und Ausbeutung eines Menschen durch einen anderen Menschen. Nur die kommunistische Gesellschaft eröffnet auch der Frau als Gleichberechtigter, Gleichverpflichteter den Weg in die gesellschaftliche Wirtschaft, den Weg zur Betätigung auf allen Gebieten der gesellschaftlichen Kultur. Denn der Kommunismus kann nicht verwirklicht werden, ohne, daß der Gesellschaft alle Kräfte, alle Talente, alle Werte nutzbar gemacht werden, die sowohl in der Persönlichkeit einer erwachsenen Frau wie eines erwachsenen Mannes liegen. Die Frau muß für die Eroberung vollen und ganzen Menschentums den Kommunismus nicht nur mit ganzer Seele herbeirufen, sondern sie muß mit voller Kraft für seine Verwirklichung kämpfen. Wir wissen aber eines. Die kommunistische Ordnung, die allein die Frau zu befreien vermag, wird nun und nimmer sein die Frucht des Zusammenwirkens aller Frauen ohne Unterschied der Klassen in einem Kampf für die Beseitigung der Vorrechts- und Vorzugsstellung des Mannes. Der Kommunismus kann nur verwirklicht werden als die gemeinsame Kampfestat aller Unterdrückten, aller Ausgebeuteten ohne Unterschied des Geschlechts und, hinausgreifend über die Grenzen, auch ohne Unterschied der Nationalität und der Rasse. Wie die nach vollem Menschentum dürstende Frau als Kommunistin für ihre Befreiung kämpfen muß, so ist andererseits das Proletariat durch seine eigenen Lebensinteressen gezwungen, die Frau als aufgeklärte, als hingebungsvolle und tatbereite kommunistische Kämpferin in seine Reihen zu rufen.
Genossen und Genossinnen, wenn man dieser Auffassung ist, so könnte man die Frage aufwerfen: Was denn trennt die kommunistische Frauenbewegung von der sozialistischen Frauenbewegung der Mehrheitler und der Rechts-Unabhängigen? Denn diese Grundsätze werden auch die Frauen jener, beiden Richtungen unterschreiben. Ich antworte darauf: Die kommunistische Frauenbewegung wird von den Frauenbewegungen anderer sozialistischer Richtungen und Parteien durch alles getrennt, was das Entscheidende in diesem geschichtlichen Augenblick ist, durch alles, was uns als Gebot der Stunde entgegentritt. Für uns Kommunisten ist unser Ziel nicht der so viel angesungene „Polarstern“, der unseren Weg erleuchtet, jener Polarstern, der so oft durch die opportunistischen, reformistischen Nebel verdunkelt und zuletzt dem Blick entzogen worden ist. Nein, der Kommunismus steht vor uns als eine lodernde Flamme, gespeist von allen Gegenwartsnöten, die der verfallende, der sich auflösende Kapitalismus über die breitesten Frauenmassen heraufbeschwört.
Und im Lichte dieser Flamme erkennen wir eins: Daß es sich gegenwärtig nicht mehr darum handelt, um kleine Reformen zugunsten der ausgebeuteten Frauen zu schachern und zu feilschen, zu bangen und zu zagen; vielmehr, daß auch, für uns das Gebot der Stunde ist, den Kampf aufzunehmen, den Kampf durchzuführen für die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat. Die Frauenbewegung der Kommunistischen Partei hat das Ziel: Die breitesten Frauenmassen des schaffenden Volkes zu rufen, zu sammeln, zu erziehen zu zielklaren, opferbereiten und kühnen Mitträgerinnen des revolutionären Kampfes für die Eroberung der politischen Macht und für die Aufrichtung der Diktatur des Proletariats in der Räteordnung – als den unerläßlichen Vorbedingungen für die Verwirklichung des erlösenden Kommunismus.
Soll das etwa besagen, daß wir Verbesserungen in der Rechtsstellung und Lage der breiten Frauenmassen, der gesamten werktätigen Bevölkerung zurückweisen? Keineswegs. Wir fordern solche Verbesserungen, wir kämpfen für sie, um die Massen stärker, kampfestüchtiger zu machen. Aber wir bringen gleichzeitig den schaffenden Frauen den eng begrenzten Wert aller Reformen in der kapitalistischen Ausbeutungsordnung zum Bewußtsein. Wir zeigen ihnen, dass auch Reformen ihr eigenes Werk, das Werk des kämpfenden Proletariats sein müssen. Wir beweisen ihnen durch Theorie und Praxis, durch Wort und Tat, daß heute, in der Zeit des zugespitzten Klassenkampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat, auch das Ringen für die bescheidenste Linderung unerträglicher sozialer Übel ein Teil des großen proletarischen-Kampfes ist zur Niederzwingung der kapitalistischen Macht, daß es also dabei gilt, Macht gegen Macht zu stellen. Wir zerstören mithin auch in den Kämpfen für Reformen die Illusionen der schaffenden Frauen über die Reformwilligkeit der besitzenden und herrschenden Klassen und ihres demokratischen Staats und setzen an ihre Stelle das Vertrauen in die eigene Kraft und die Überzeugung von der Notwendigkeit des Kampfes für die Revolution [zur Beseitigung] der bürgerlichen Gesellschaft. So bleibt der Kampf für die Eroberung der politischen Macht das A und O unseres Wirkens…
Eine Frage drängt sich auf. Wo ist der archimedische Punkt, an dem die Kommunistische Partei unter den Frauenmassen ihren Hebel ansetzen soll, um mit der politischen und sozialen Gleichgültigkeit und Rückständigkeit dieser Massen eine feste Stützmauer des Kapitalismus aus den Angeln zu heben? Genossen und Genossinnen, mir scheint, die Frage beantwortet sich selbst. Betrachten Sie die Zustände, die der sich auflösende, die der vor der Grube stehende Kapitalismus gerade für die werktätigen Frauenmassen geschaffen hat – und Sie haben die Antwort auf diese Frage. Es gibt nicht einen Punkt, es gibt viele, geradezu unzählige Punkte, wo der Hebel anzusetzen ist. Im Vordergrund steht unstreitig auch für die Frauen, ja gerade für die Frauen der werktätigen Massen das Problem der Arbeitslosigkeit. Es hat für sie ein besonderes Gesicht und eine besondere Bedeutung. Ich sprach bereits davon, daß während des Krieges die Frau von allen Durchhaltetrompetern und allen kapitalistischen Profitpressern in die „Schützengräben“ der Wirtschaft, der freien Berufe und Verwaltung gerufen worden ist. Jetzt sehen wir eine auffällige Erscheinung. Nicht nur in der Wirtschaft, auch auf allen Gebieten der sogenannten Kulturarbeit, der freien Berufe und der Verwaltung sind die Frauen, die Mädchen die ersten Opfer der Arbeitslosigkeit. Das, Genossen und Genossinnen, steht, im Widerspruch zu dem Vorgang, den wir bei gewöhnlichen Krisen des Kapitalismus beobachten können. Es ist bekannt, daß der Unternehmer während Krisen erst recht die Praxis übt, zunächst den teuer bezahlten Mann aus dem Betriebe zu werfen und die billigere und willigere Frau an seiner Stelle zu beschäftigen. Das krasse Beispiel davon wurde schon vor langem festgestellt von den englischen Fabrikinspektoren. Sie verzeichneten, daß die Frauen sich bei Überarbeit in der Fabrik zu Tode quälten, im buchstäblichen Sinne des Wortes, während der Mann daheim verdienstlos hockte, Kartoffeln schälte und die Kinder hütete. Das gleiche Bild hat sich nicht nur in England gezeigt, sondern überall dort, wo der Kapitalismus seinen Fuß ausbeutend auf den Nacken des Proletariats setzt. Jetzt sehen wir während der Krise die entgegengesetzte Erscheinung. Trotz der Billigkeit, der Fügsamkeit, trotz der verbilligenden, schmutzkokurrierenden Wirkung der Frauenarbeit entläßt der Unternehmer – der Privatkapitalist wie der Staat, die Gemeinden – zunächst die weiblichen Erwerbstätigen aus Lohn und Brot. Wie erklärt sich das? Früher, in der Zeit seiner Jugend- und seiner Mannesjahre, riß der Kapitalismus die Frau von Haus und Herd und peitschte sie bei Strafe des Hungers in den Betrieb, zur Berufsarbeit. Jetzt reißt er sie aus Wirtschaft und Verwaltung und verweist sie wieder auf das Heim, dessen Mauern er selbst zertrümmert, dessen Herd er gelöscht hat. Der Kapitalismus ist zur Greisenhaftigkeit gekommen, er verfällt. Das Hinausstoßen der Frauen aus der kapitalistischen Wirtschaft, aus der kapitalistischen Verwaltung ist ein hippokratischer Zug der heutigen Ordnung. Er kündet an, daß der Kapitalismus, dieser blut- und schmutztriefende Gesell, vor dem Ende seiner Tage steht. Der Kapitalismus vertreibt die Frau aus den Stätten ihrer gesellschaftlichen Tätigkeit, obgleich sie sich nachweislich dort bewährt hat und „billig“ ist. Dafür ist lediglich der folgende Grund maßgebend. Infolge ihrer politischen Rückständigkeit, ihres Mangels an Organisation, ihrer sozialen Schwäche fürchtet der Kapitalist die erwerbslose Frau weniger als den erwerbslosen Mann. Er verweist sie daher zurück in das Haus, weil er, wie in den Tagen blühender Profitpresserei und ungefährdeter Ausbeutungsmacht, damit rechnet, daß die Erwerbslose eine letzte Ware besitzt, die sie zu Markt tragen kann, wenn sie nicht mehr vom Verkauf ihrer Arbeitskraft zu leben vermag: ihr Weibtum. Er münzt es aus, daß die Frau sich verkaufen kann, sei es in eine Versorgungsehe mit oder ohne standesamtlichen und geistlichen Segen oder aber zur geschlechtlichen „Akkordarbeit“ in der Prostitution. Es ist bekannt, daß Zeiten der Teuerung, großer Notstände sich kennzeichnen durch ein gewaltiges Anschwellen des Dirnentums in den verschiedensten Formen. Hunger tut weh, auch die erwerbs- und brotlose Frau will leben.
So erklingt heute aufs neue stark die Philisterlosung: Zurück mit der Frau ins Heim! Und welch charakteristische Erscheinung! Die Losung wird nicht bekämpft, sondern mit den engsinnigsten Reaktionären im Bunde erhoben und verteidigt von den Gewerkschaftsbürokraten und den mit ihnen verschwisterten politischen Parteien. Auch sie vertreten die Auffassung, daß der Mann in erster Linie ein Anrecht auf Beschäftigung, Verdienst und Brot habe, daß bei mangeln der Arbeitsgelegenheit die Frau ihm den Platz räumen und ins Haus zurückkehren müsse. Auch sie vertreten die Auffassung, daß die arbeitslose Frau sich mit geringerer Erwerbslosenunterstützung zu begnügen habe usw. Alle alten Eidschwüre auf die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts sind vergessen. Die erwerbslosen Männer und Frauen werden als Konkurrenten gegeneinander getrieben, statt zusammengefaßt zum Kampfe gegen den gemeinsamen Feind: den ausbeutenden profitlüsternen Kapitalisten. Dieses schimpfliche Verhalten ist ein Beweis mehr, daß die opportunistisch gerichteten Gewerkschaftsbürokraten mitsamt den ihnen wesensverwandten Politikern, auch wenn sie sich sozialistisch schimpfen, den Boden der sozialistischen, der revolutionären Auffassung verlassen haben und nur noch auf ein Kompromisseln, Schachern und Handeln mit den Kapitalisten bedacht sind. Die kurz aufgezeigten Verhältnisse bieten einen praktischen Angriffspunkt für außerordentlich fruchtbare Arbeit unserer kommunistischen Fraktionen und Zellen in den Gewerkschaften und in den Betrieben. Wenn sie die berufstätigen Frauenmassen zum Kampf gegen die Macht des Kapitalismus in der Wirtschaft und im bürgerlichen Staat führen wollen, dann müssen sie treue, kluge Sachwalter der Frauen für ihr Recht auf Arbeit in der Gesellschaft sein. Die Schmutzkonkurrenz unaufgeklärter und unorganisierter Frauen gegen den Mann ist nicht dadurch zu beseitigen, daß man den wirtschaftlichen Gegensatz zwischen den beiden Geschlechtern verschärft zu einem erbitterten Kampf um Lohn und Brot, sondern nur dadurch, daß man Männer und Frauen zusammenschließt zum gemeinsamen Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung. Zunächst für die Forderung gleicher Entlohnung bei gleicher Leistung für beide Geschlechter, aber auch weit über diese Forderung hinaus zum Kampf, der die wirtschaftliche Macht des Kapitalisten im Betriebe, in der Wirtschaft niederzwingt, und zum großen Kampfe außerhalb der Werkstätten, der die Macht des kapitalistischen Klassenstaates durch die Aufrichtung der proletarischen Diktatur zerschmettert.
Genossen und Genossinnen, die kurz geschilderte Erscheinung offenbartsinnenfällig den Zerfall, die Hilflosigkeit des Kapitalismus und seiner Gesellschaftsordnung. Halten Sie sich die folgenden Gegensätze vor Augen: Schon vordem Kriege gab es in Deutschland einen erheblichen Überschuß von Frauen, die nicht darauf hoffen konnten, in der Ehe, in der Familie eine Versorgung zu finden. Die Volkszählung vom 1. November 1910 ergab ein Mehr der weiblichen Bevölkerung von 845 661. Nach späteren Erhebungen war diese Zahl vor Kriegsausbruch auf über eine Million gestiegen. Der Krieg hat die Zahl der Frauen, die unverheiratet bleiben, um viele Hunderttausende, um Millionen vermehrt. Heere junger, kräftiger Männer modern auf den Schlachtfeldern; Hunderttausende und aber Hunderttausende sind als Krüppel zurückgekehrt. Die gesunden, normalen Arbeiter und Angestellten verdienen heute kaum noch so viel, daß ihr Einkommen für den Unterhalt einer Familie ausreicht. Trotz der soviel berufenen nominell hohen Löhne und Gehälter, denn gemessen an ihrer Kaufkraft, an den Preisen des Lebensbedarfs, sind sie durchaus unzulänglich, bedeuten sie Sorgen und Hunger. Dazu die stark hervortretende Tendenz zum „Lohnabbau“!
Also erheblich herabgeminderte Möglichkeit für die Frau, ihren Lebensunterhalt und ihren Lebensinhalt in der Familie zu finden! Und in dieser Situation das Zurückverweisen auf das Heim! Der vorliegende Gegensatz könnte nur gelöst werden, wenn die Kapitalisten öffentlich tun würden, was sie heimlich in so reichem Maße tun. Nämlich, wenn die Herren die Vielweiberei einführten und für den Unterhalt ihrer zahlreichen Familien „standesgemäß“ sorgten, statt -wie heute- rechts und links uneheliche Kinder ohne Brot und Bildung zulassen.Und diese Neuerung würde nicht einmal ausreichen.
Genossen und Genossinnen! Aber noch eine andere Frage von weittragender Bedeutung tritt uns im Hinblick auf die Tendenz entgegen, die Frau aus der gesellschaftlichen Tätigkeit zu verdrängen. Der Krieg hat uns die riesigste, eine nie dagewesene Vernichtung materieller und kultureller Güter gebracht. Soll der Ausfall wettgemacht, soll eine Ordnung aufgebaut werden von größerem materiellem Reichtum, von einer größeren Fülle des kulturellen Lebens, dann bedarf die Gesellschaft auch der Frauenkräfte, dann kann sie ihrer nicht entbehren. Das jedoch nicht nur der Quantität nach, obgleich sie allein schon schwer in die Waagschale fällt; Betätigung der Frauen in der Gesellschaft und für die Gesellschaft besagt Verdoppelung der Kräfte, die am Aufbau wirken. Nein, noch mehr: Freieste Mitarbeit der Frau auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens bedeutet eine reichere, vielseitigere Qualität der Leistungen. Gerade weil wir Frauen unsere geistige, unsere sittliche Eigenart haben, nicht mißratene Kopien der sogenannten „Herren der Schöpfung“ sind, sondern weibliche Menschen, gerade deshalb vermögen wir eigene, neue, andere Werte in das Gesellschaftsleben aller Gebiete einzusetzen. Das gesellschaftliche Leben würde nicht an Fülle, sondern auch, an Mannigfaltigkeit, an Vertiefung und Verfeinerung gewinnen, wenn die Frau als ein frei entwickelter Vollmensch auf allen Gebieten mitwirken könnte. Und der Kapitalismus offenbart seine ganze Unfähigkeit, die unsagbaren Greuel und Verbrechen des Weltkrieges gutzumachen, er beweist, daß er reif ist, geschichtlich verurteilt, gestürzt und beseitigt zu werden als das größte Hindernis für das Emporblühen materiellen Wohlstandes und einer höheren, glanzvollen Kultur – wenn er unter den gegebenen Verhältnissen die Frau in das Heim zurückverbannt.
Genossen und Genossinnen, aber von diesem allen abgesehen, trifft die Arbeitslosigkeit des Mannes mit all ihren furchtbaren Folgen nicht auch die Frau? Schauen Sie in den Familien der Erwerbslosen nach, und Sie werden erfahren, was Frauenqual ist! Und da könnte man kleingläubig fragen, ob unter den Frauenmassen der Boden für unser Wirken, für die Revolutionierung der Geister gegeben ist? Zu der Arbeitslosigkeit die vielen anderen sozialen Übel und Leiden, von denen die werktätigen Frauen gepeinigt werden! Teuerung nicht nur der gesamten Lebensmittel, sondern des gesamten Lebensbedarfs, und trotz der Wucherpreise der Mangel an Lebensbedarf jeder Art, der Mangel an Heizung, an Licht, Kleidung usw! Eine Hölle von Leiden, Entbehrungen, Sorgen für die Frau, denn sie wird nicht allein von den Geißelhieben der Notgetroffen, mit vernichtender Wucht sausen diese auf die zarten Leiber, die jungen Seelen der Kinder nieder. Für die proletarische Frau, die proletarische Mutter ist heute überall Golgatha. Und während ihr mehr als ein Schwert durch die Seele dringt, spreizt sich dreist neben ihrem Elend, ihren Plagen der tollste Luxus, die verrückteste Verschwendung der Schieber und Wucherer, der ausbeutenden kapitalistischen Millionäre und Milliardäre. Es ist eins der erschütterndsten Bilder für jene, die zu fühlen vermögen, wenn sie in den Großstädten vor dem Glanz der Läden, die die Berge-nützlicher und schöner Gegenstände kaum zu bergen vermögen, die abgezehrten, vergrämten Frauen beobachten, durch deren dürftige Kleider der Wind pfeift und die verlangend durch die Scheiben starren, um sich scheu beiseite zu schleichen, weil sie nicht eintreten, nicht kaufen und nicht zahlen können, wessen sie bedürfen und was ihre Kinder haben sollten.
Die Not in Verbindung mit erdrückender Arbeits- und Pflichtbürde tritt in Erscheinung in erhöhter Kränklichkeit und Sterblichkeit der Frauen, in ihrer abnehmenden Fähigkeit, gesunden, kräftigen Kindern das Leben zu schenken, normal zu gebären, in der steigenden Zahl von Opfern, die dem Kindbettfieber fallen. Sie tritt in Erscheinung in der steigenden Säuglingssterblichkeit und Kindersterblichkeit überhaupt, in dem Verelenden, dem körperlichen Verkommen Tausender, Millionen von Arbeiterkindern, die mit dem Keim der Rachitis, der Tuberkulose geboren werden oder diesen tückischen Leiden bald verfallen. Warum? Lediglich, weil sie die Kinder armer Teufel sind, weil sie weder die Nahrung noch den Wohnraum, noch auch die Pflege haben, deren sie bedürfen, um zu gesunden, schönen, stolzen Menschen emporzuwachsen.
Genossen und Genossinnen, greifen wir frisch, klaräugig ins „volle Menschenleben“, ins Leben der schaffenden Frau! Wo wir’s auch packen, da ist es bürden- und notreich, weil es durch die kapitalistische Ausbeutung bestimmt wird, ihren geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen untertan ist. So ist eine schier unerschöpfliche Menge von Stützpunkten, gegeben, bei denen unsere Agitation, unsere Aufklärung und unsere Aktion unter den Frauen einsetzen kann. Die Frauenbewegung der Kommunistischen Partei muß an die hundertfältigen blutigen Lebensnöte der Proletarierin, der Kleinbäuerin, der weiblichen Angestellten, der Beamtin anknüpfen, um den Frauenmassen Erkenntnis zu bringen und sie zum Kampfe zu rufen. Sie hat diesen Nöten entgegenzustellen, was sofort geschehen müßte und was geschehen könnte, um ihnen zu steuern. Sie hat dabei den Frauen ins Bewußtsein zu hämmern, daß in der heutigen Gesellschaft dieses Notwendige und Mögliche nun und nimmer erfolgen wird dank der Einsicht und dem guten Herzen der Besitzenden, auch nicht dank der bürgerlichen Demokratie, die der Proletarierin entgegentritt als die gewaltigste bürgerliche Klassendiktatur, verkörpert in Noskes Arbeitermassenmorden, der Reichswehr, der Orgesch1, kurz, der bewaffneten Gegenrevolution. Unser Wirken muß den Frauen zeigen, daß nur der revolutionäre Klassenkampf der werktätigen, aüsgebeuteten Massen die Übel zu mildern und schließlich zu bannen vermag. Die weiblichen Opfer des Kapitalismus müssen verstehen lernen, daß es kein soziales Übel gibt, unter dem sie leiden, keine Bürde, die sie drückt, und keine Wunde, aus der sie bluten, die nicht auch eine Erscheinung der Friedenszeit unter kapitalistischer Herrschaft ist. Alle Plagen, die heute das Proletariat quälen, sind nicht besondere Ausflüsse des Krieges und damit „vorübergehende Erscheinungen“. Sie sind die natürlichen, unvermeidlichen Folgen von Wesenseigenschaften des Kapitalismus selbst. Der Krieg hat in der Beziehung nichts Neues geschaffen. Er hat nur Wesens- und Waltensäußerungen des Kapitalismus im Frieden außerordentlich verallgemeinert, hat ihnen eine riesige Ausdehnung gegeben und sie auf die Spitze getrieben. Wir müssen den Frauen der werktätigen Massen klarmachen, daß der Kapitalismus, der Männer und Weiber, Greise und Kinder schlachtende und verzehrende Massenmörder, nicht bloß im Kriege ist, sondern auch in den Zeiten des Friedens. Ich brauche das Ihnen hier nicht erst zu begründen. Denken Sie an die Toten und Verwundeten jahraus, jahrein auf dem „Schlachtfeld der Arbeit“, an die Opfer der Berufskrankheiten, der Tuberkulose, des Alkoholismus, an die Unglückseligen in den Strafanstalten und Zuchthäusern!
Wir haben die Frauenmassen noch über einen anderen wesentlichen Punkt aufzuklären, daß alle Leiden, unter denen sie seufzen, alle Bürden, unter denen sie zusammenbrechen, zwar von den Frauen und Kindern am schmerzhaftesten empfunden werden, daß sie aber kein besonderes Los der Frauen allein sind. Nein, sie sind nur ein Teil vom Schicksal desgesamten Proletariats und der durch den Krieg in das Proletariat herabgeschleuderten Schichten der Kleingewerbetreibenden, Beamten, Lehrer, Träger freier Berufe usw. Dieses Klassenschicksal und Massenschicksal wird dauern, solange der Kapitalismus seine fluchwürdige Herrschaft aufrecht hält.
Wie die Dinge liegen, Genossen und Genossinnen, dürfen wir den Kampf unserer kommunistischen Frauenbewegung um die Seele der Frauen außerhalb unserer Reihen nicht einstellen auf ein Reformprogramm, das – hübsch sauber gegliedert in Punkt 1, 2, 3, 4 und so fort – schematisch in Angriff genommen und abgeklappert wird. Nein, wir müssen aller Nöte und Leiden eingedenk sein, müssen sie alle als Ausgangspunkt unserer Propaganda und unserer Aktionen nehmen. Wo immer werktätige Frauen sich mühen und leiden, da müssen wir Kommunistinnen unter ihnen sein mit dem aufklärenden Wort, das die Ursachen des Mühens und Leidens zeigt und den einzigen Weg, der aus dem dunklen Gegenwartselend in die lichte Zukunft führt: der revolutionäre Klassenkampf der Ausgebeuteten und Unterdrückten gegen den Kapitalismus und für den Kommunismus. Den Frauen der breitesten Volksmassen muß klar zum Bewußtsein gebracht werden, daß alle sozialen Nöte, die jetzt auf ihr Weibtum, ihr Menschentum drücken und es in entwürdigenden Ketten halten, schönste Gaben, heißes Wollen verkümmern machen, daß alle diese Nöte eng, unlösbar Zusammenhängen mit der noch bestehenden Macht des Kapitalismus in der der Wirtschaft, im Staat, in der Gesellschaft, einer knechtenden, vernichtenden Macht, die durch die angesungene Demokratie nicht beseitigt, ja nicht einmal ernstlich geschwächt worden ist. Die Frauen müssen ins reine darüber kommen, daß alle Forderungen, die wir erheben, ihr Weh zu lindern, ihr Wohl zu fördern, fest Zusammenhängen mit dem Kampf des Proletariats gegen diese Macht, unter Führung der Kommunistischen Partei. Kurz, wir Kommunistinnen müssen mit der Fackel der Erkenntnis und dem Schwert des Willens, der Tat überall dort stehen, wo Frauen leiden, wo Frauen für ihr Recht und ihre Freiheit kämpfen müssen. Deshalb auf zu Arbeit und Kampf in all den Organisationen und Organen, durch die das Proletariat gegen die kapitalistische Macht kämpfen kann: in den Gewerkschaften, Genossenschaften, Betriebs- und Arbeiterräten! Überall hier muß der Odem, der Wille, die Tat der kommunistischen Frauenbewegung zu spüren sein in der wachsenden Kraft des revolutionären Denkens und Handelns der weiblichen Mitglieder. Wenn die Männer kleinmütig zaudern, mögen die Frauen sie beschämen. Deshalb auf auch zu Arbeit und Kampf in allen Einrichtungen, in denen die kapitalistische Ausbeutungsmacht verschanzt und verbarrikadiert liegt: in dem Reichstag, in den Landesparlamenten, in den Gemeinderäten, in allen öffentlichen und sozialen Körperschaften, die der bürgerlichen Ordnung, dem Kapitalistenstaat dienen sollen. Wir packen und werfen den verhaßten Feind, wo wir ihn finden. Welches gleißnerische Mäntelchen oder welch furchtbare Rüstung auch der Kapitalismus trägt und wo immer er versteckt ist, wir fragen mit dem alten „Marschall Vorwärts“ des Gedichts:
„Wo steht der Feind? Der Feind steht hier.
Den Finger drauf, den schlagen wir!“
Genossen und Genossinnen, unsere Frauenbewegung hat zu sein nichts als ein Teil, als ein sehr wesentlicher Teil, der gesteigerten Aktivität der Kommunistischen Partei in dem Kampf für die Eroberung der Macht. Zum Wort muß sich deshalb die Tat gesellen als ein unersetzlicher Anschauungsunterricht für Erkennen und Handeln. Es ist hier so viel zur Tat aufgefordert worden. Wir wissen, zu welcher Tat: die Macht zu erobern, die Diktatur des Proletariats, den Arbeiterstaat aufzurichten. Die Vorbedingungen dieser großen weltgeschichtlichen Tat sind die Taten – Taten der stillen Arbeit und der gefahrreichen Kämpfe – , die wir bereit sein müssen zu leisten an jeder Stelle, an jedem Tag, in jeder Stunde mit der gleichen Zielklarheit und Wegsicherheit, mit der gleichen Begeisterung, Opferfreudigkeit und Willenskraft. Gewiß ist es eine Binsenwahrheit, daß auch die aufs höchste gesteigerte Aktivität der Kommunistischen Partei die Aktivität und Aktion der proletarischen, der werktätigen Massen nicht zu ersetzen vermag. Aber ebenso selbstverständlich ist das andere: Die Kommunistische Partei kann und muß die Aktivität der Massen wecken, muß die Aktion der Massen vorbereiten, ihr Losung und Führung geben, muß ihr den unbeugsamen, opferstarken, kühnen Willen zum Siege einhauchen.
Genossen und Genossinnen, in diesem Sinne hat unsere kommunistische Frauenbewegung mitzuarbeiten und mitzukämpfen – mitzukämpfen auf allen Gebieten. Sie muß die Massen der mit Hand und Hirn schaffenden Frauen überzeugen – nicht durch Resolutionen auf dem langmütigen Papier, sondern durch unsere Arbeit, unseren Kampf, die denMassen beweisen, daß die Kommunistische Partei mit ihnen ist, voller Verständnis und Mitgefühl für ihre Lage, voll ernsten Willens, sie ihrer Befreiung von der versklavenden Gewalt des Kapitalismus entgegenzuführen. So soll unsere Frauenbewegung das ihrige dazu tun, daß die Kommunistische Partei in den heraufziehenden großen Kämpfen um die politische Macht die führende Partei des Proletariats wird, weil sie der zielklarste, wegkundigste, energischste, willensstärkste und auch der kampf- und opferbereiteste Teil des Proletariats selbst ist. Sie stürmt führend den Massen ohne Unterschied des Geschlechts voran; aber ohne sich von ihnen zu trennen, ohne je die Fühlung mit ihnen zu verlieren. Denn nicht die revolutionäre Vorhut ist imstande, in „glänzender Vereinsamung“ von den Massen das geschichtliche Todesurteil am Kapitalismus zu vollstrecken. Nur breiteste Massen können die entscheidende Schlacht gegen den Kapitalismus und für den Kommunismus schlagen.
Die Stunde schlägt für die Expropriation der Expropriateure. Auch in Deutschland ist die Zeit nahe herbeigekommen, wo der zerschmetterte Kapitallismus dem proletarischen Klassenstaat Platz machen muß. Ich will zur Begründung dieser Auffassung nicht wiederholen, was, Genosse Levi in vorzüglicher Weise dargelegt hat2 und was in Verfolgung dieser Auffassung über die nötige Aktivität der Partei, über die Notwendigkeit und Bedeutung von Massenaktionen sich durch all unsere Verhandlungsgegenstände wie ein roter Faden gezogen hat. Es gibt nur eine große politische, revolutionäre Schlußfolgerung für uns. Nicht bloß zu reden, sondern auch zu handeln, die Massen aktiv zu machen, damit sie ihr eigenes Werk zu tun vermögen.
Wir Kommunisten wollen an dieser Entwicklung der Dinge unseren Anteil nehmen. Wir wollen unsere ganze Kraft daransetzen, die Kommunistische Partei zu einer Partei der Tat zu machen, die die Revolution vorwärtstreibt. Das ist die heilige Verpflichtung, die uns von der Zugehörigkeit zur III. Internationale auferlegt wird. Die Weltrevolution heischt den entschiedenen Vormarsch des deutschen Proletariats. Auch die werktätigen Frauenmassen Deutschlands müssen bei diesem Vormarsch dabei sein. Wir müssen sie in den Dienst der Weltrevolution rufen, wie ihn uns das glorreiche Beispiel des kühnen russischen Proletariats zeigt. Wir dürfen die Frauenmassen nicht lehren, auf die Weltrevolution zu hoffen und zu harren als auf ein geschichtliches Wunder, auf eine Weltrevolution die sich automatisch von selbst entwickelt und die dann das deutsche Proletariat „mitmacht“, wenn erst „die Verhältnisse auch in Frankreich, Italien, England reif dafür sind“, wenn auch dort die schaffenden Massen sich revolutionär erheben, um zum letzten Schlag gegen den Kapitalismus auszuholen. Nein, wir müssen arbeiten und kämpfen in der Erkenntnis, daß wir Männer und Frauen, auf unserem eigenen nationalen Boden der Weltrevolution zu dienen haben, indem wir die Ebert-Republik und mit ihr die Diktatur der besitzenden Klassen niederringen und die Herrschaft des Proletariats aufrichten.
Es wurde bei unseren Verhandlungen angeführt, daß der Gewerkschaftsführer Dißmann erklärt hat, die, objektiven Vorbedingungen für die Herrschaft des Proletariats seien zwar gegeben, aber noch nicht die subjektiven Vorbedingungen. Dem Proletariat mangele es noch an der nötigen Reife dafür. Ach, Genossen und Genossinnen, die Reife ist da, wenn das Proletariat will. Der Beweis der Reife des Proletariats für seine erhabene geschichtliche Aufgabe, den Kapitalismus zu beseitigen und den Kommunismus aufzubauen, der wird nicht erbracht durch ein wohlbestandenes Gouvernantenxamen über ein bestimmtes Maß bürgerlicher Bildung. Nein, es gibt nur einen Beweis für die Reife des Proletariats. Das ist der betätigte Wille zur Macht. Zur Zeit ist das russische Proletariat unstreitig das politisch reifste Proletariat, ungeachtet seiner vielen Analphabeten und seiner „niedrigen Kultur“, über die der gute, deutsche sozialdemokratische und unabhängige Bildungsphilister hochmütig die Nase rümpft.
Das russische Proletariat hatte den Willen zur Macht, es eroberte die Macht und behauptete sie um den Preis unsäglicher Opfer. Von dem Augenblick an, wo die breiten Massen des Proletariats von diesem Willen zur Macht erfüllt sind, ist auch ihre Reife da und die Kraft zu siegen. Denn, Genossen und Genossinnen, meiner Überzeugung nach herrscht das Kapital, besteht sein Staat nicht mehr dank der Kraft der bürgerlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung selbst. Nein, in dieser geschichtlichen Stunde herrscht der Kapitalismus nur dank der Schwäche des Willens, dank dem Mangel an Selbstvertrauen der proletarischen Massen. Sagen wir diesen Massen: Ihr vergeßt über der Hamlet-Frage, ob ihr auch reif seid für die Eroberung und den Gebrauch der politischen Macht, nicht bloß eure ausschlaggebende Rolle in der Produktion, in der Gesellschaft. Ihr vergeßt das Gewicht eurer Zahl. Alle List, Tücke und Gewalt, alle Machtmittel des bürgerlich-kapitalistischen Staats, alle Waffen der Orgesch und anderer Organisationen – mögen sie sich schmücken mit dem Mantel der Gesetzlichkeit dieses Staats oder offen die Gegenrevolution zeigen -, das ganze reaktionäre Aufgebot wird zerschellen wie Glas am Granit von dem Augenblick an, wo die breitesten proletarischen Massen wollen und wo sie handeln, auch wenn sie wissen, daß sie ihr Leben dabei aufs Spiel setzen. Nur wenn sie ihr Leben einsetzen, wird ihnen das neue, das höhere soziale Leben gewonnen sein.
Genossen und Genossinnen, das Proletariat muß endlich einmal aufhören, sich durch jene erbärmliche kleine Rechenexempel bestimmen zu lassen von der Kostbarkeit des Arbeiterbluts, das nicht im revolutionären Kampf verspritzt werden darf. Wo ist denn die hohe Wertung des Arbeiterblutes, wenn man den Proletariern zumutet, für den Hungerlohn, der sie und die ihrigen nicht satt und froh macht, tagaus, tagein Gesundheit und vielleicht das Leben selbst im Dienst der kapitalistischen Ausbeutung aufs Spiel zu setzen? Denken wir an die Toten und Verwundeten auf dem Schlachtfeld der Arbeit. Arbeiterblut wird in den Augen der Besitzenden erst dann kostbar, wenn sie vor ihren Lohnsklaven zittern, wenn sie fürchten, daß diese freiwillig dem Tod entgegengehen, nicht um einen Goldstrom in die diebes- und feuersicheren Schränke der Herfen Kapitalisten zu leiten, nein, um die Quelle zu verstopfen, um ihre Herrschaft aufzurichten, ihre Freiheit zu gewinnen!
Genossen und Genossinnen, lernen wir von der russischen Revolution! Die russische Revolution hat uns gezeigt, was ein Proletariat vermag, wenn es den Geist, wenn es den Willen über die Trägheit der Materie, über die graue Alltäglichkeit setzt. Der Sieg ist mit einem Proletariat, das weiß, will und handelt. Wir Frauen müssen besonders von unseren russischen Schwestern lernen. Die Sowjetrepublik wäre nicht imstande gewesen, sich an den Fronten und im Lande wider die Gegenrevolution siegreich zu behaupten, wenn nicht die Frauen opferfreudig alle Leiden, Mühen und Kämpfe geteilt hätten. Der Anfang des Aufbaus der kommunistischen Ordnung würde in Rußland ein Ding der Unmöglichkeit sein, wenn nicht die Frauen einsichtsvoll und mit leidenschaftlicher Glut ihre Kraft bis zum letzten darangäben, eine neue, höhere gesellschaftliche Welt zu schaffen. Der Kapitalismus hat die Familie atomisiert, um alle ihre Glieder, womöglich bis zum jüngsten Kinde sich tributpflichtig zu machen. Wir kennen die dialektische Wirkung dieses geschichtlichen Prozesses. Er führt dazu, alle Glieder der Familie in gleichberechtigte und gleichverpflichtete Glieder der Gesellschaft zu verwandeln, eine Gesellschaft freier Arbeitender entstehen zu lassen, von denen keiner einem anderen untertan ist, die alle aufrecht stehen, ihr Antlitz der Sonne zugewandt, sich zur Vollmenschlichkeit entwickelnd und in Vollmenschlichkeit wirkend.
Ziehen wir die nächsten praktischen, politischen Konsequenzen aus diesem Stand der Dinge! Gliedern wir die Frau als gleichberechtigte, gleichverpflichtete und gleichgewertete Mitkämpferin in unsere Reihen ein! Schweißen wir alle Frauenkräfte in den Gewerkschaften, Genossenschaften, in den Räten, in allen Organen des kämpfenden Proletariats in kommunistischer Erkenntnis und kommunistischem Willen zusammen! Dann schließt sich der Ring des kämpfenden Proletariats, und dieser Ring wird ehern, wird unzerbrechlich sein. Es ist der erlösende Zauberring des proletarischen Willens zur Tat.
Wirken wir alle, Genossen und Genossinnen, für dieses Ziel nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten! Dann wird der sich auflösende Kapitalismus den Totengräber vor der Tür finden. Dann wird für die letzte große Schlacht am Birkenbaum wider den sich an die Macht klammernden Todfeind des Proletariats das kluge und starke Wort des großen Briten aus einer literarischen Reminiszenz zu Fleisch und Blut verkörpert in dem Willen von Millionen revolutionärer Kämpfer und Kämpferinnen: Bereit sein ist alles!
Clara Zetkin: „Rede auf dem Vereinigungsparteitag der USPD (Linke) und KPD“, Berlin,
(7. Dezember 1920), in: „Dokumente der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung zur Frauenfrage“
Leipzig 1974, S.76-87
Bearbeitungshinweis
Oben stehender Text wurde aus frei zugänglichen Onlinequellen mit der Buchausgabe „Die Kommunistische Revolution und die Befreiung der Frauen 1. Auflage 1997, S 106-117 Verlag Olga Benario und Herbert Baum“ abgeglichen. Hervorhebungen, Fußnoten und erläuternde Ergänzungen haben wir stillschweigend übernommen. Wir können trotz besten Wissens und Gewissens keine Gewähr übernehmen. Wir halten es trotzdem für wichtig, niederschwellige und thematisch ausgewählte Klassikertexte zum Selbstdruck und -verbreitung zur Verfügung zu stellen.
„Unsere Theorie ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln.“ – Engels
1 Orgesch: Organisation Escherich, 1920 von dem Forstrat Georg
Escherich gegründete konterrevolutionäre Organisation
2 Clara Zetkin bezieht sich hier auf das von Paul Levi auf dem Vereinigungsparteitag von USPD (Linke) und KPD gehaltene Referat über das Aktionsprogramm der Partei. Paul Levi wurde später, 1921, aus dem ZK der VKPD ausgeschlossen. Siehe hierzu u.a. Lenin, „Brief an die deutschen Kommunisten“ vom 14.8.1921 (Werke Band 32, S. 53ff.) und das „Protokoll des III. Weltkongresses der Komintern“, 1921.
