Zum zweijährigen Jubiläum der Sowjetmacht hatte ich vor, eine kleine Broschüre über das in der Überschrift genannte Thema zu schreiben. Aber im Getriebe der täglichen Arbeit bin ich über die Vorbereitung einzelner Teile bisher nicht hinausgekommen. Darum habe ich mich entschlossen, es mit einer knappen, konzeptartigen Darlegung der meines Erachtens wesentlichsten Gedanken über diese Frage zu versuchen. Selbstverständlich bringt der konzeptartige Charakter der Darlegung viele Schwierigkeiten und Nachteile mit sich. Vielleicht läßt sich aber durch einen kurzen Zeitschriftenartikel dennoch ein bescheidenes Ziel erreichen: die Fragestellung und die Grundlage für die Erörterung dieser Frage durch die Kommunisten der verschiedenen Länder zu geben.
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Theoretisch unterliegt es keinem Zweifel, daß zwischen dem Kapitalismus und dem Kommunismus eine gewisse Übergangsperiode liegt, die unbedingt Merkmale oder Eigenschaften dieser beiden sozial-ökonomischen Formationen in sich vereinen muß. Diese Übergangsperiode kann nur eine Periode des Kampfes zwischen dem sterbenden Kapitalismus und dem entstehenden Kommunismus oder, mit anderen Worten, zwischen dem besiegten, aber nicht vernichteten Kapitalismus und dem geborenen, aber noch ganz schwachen Kommunismus sein.
Nicht nur dem Marxisten, sondern jedem gebildeten Menschen, der einigermaßen mit der Entwicklungstheorie bekannt ist, sollte die Notwendigkeit einer ganzen historischen Epoche, die diese Merkmale der Übergangsperiode aufweist, ohne weiteres klar sein. Und doch zeichnen sich alle Betrachtungen über den Übergang zum Sozialismus, die wir von den gegenwärtigen Vertretern der kleinbürgerlichen Demokratie zu hören bekommen (und das sind trotz ihres angeblich sozialistischen Aushängeschilds alle Vertreter der II. Internationale, einschließlich solcher Leute wie MacDonald und Jean Longuet, Kautsky und Friedrich Adler), durch völliges Ignorieren dieser augenfälligen Wahrheit aus. Es gehört zu den Eigenschaften der kleinbürgerlichen Demokraten, daß sie den Klassenkampf verabscheuen, daß sie davon träumen, ohne ihn auszukommen, daß sie bestrebt sind, auszugleichen und zu versöhnen, die scharfen Kanten abzuschleifen. Darum wollen solche Demokraten entweder überhaupt nichts von der Anerkennung einer ganzen historischen Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus wissen, oder sie halten es für ihre Aufgabe, Pläne zur Versöhnung der beiden kämpfenden Kräfte aus zuhecken, anstatt den Kampf der einen dieser Kräfte zu leiten.
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In Rußland muß sich die Diktatur des Proletariats infolge der sehr großen Rückständigkeit und des kleinbürgerlichen Charakters unseres Landes zwangsläufig durch gewisse Besonderheiten von den fortgeschrittenen Ländern unterscheiden. Aber die Hauptkräfte — und die Hauptformen der gesellschaftlichen Wirtschaft – sind in Rußland die gleichen wie in jedem beliebigen kapitalistischen Land, so daß diese Besonderheiten keinesfalls das Wesentliche betreffen können.
Diese Hauptformen der gesellschaftlichen Wirtschaft sind: der Kapitalismus, die kleine Warenproduktion, der Kommunismus. Die Hauptkräfte sind: die Bourgeoisie, das Kleinbürgertum (besonders die Bauernschaft), das Proletariat.
Die Ökonomik Rußlands in der Epoche der Diktatur des Proletariats stellt sich dar als Kampf der im einheitlichen Maßstab eines Riesenstaates ihre ersten Schritte vollziehenden kommunistisch vereinten Arbeit gegen die kleine Warenproduktion und gegen den erhalten gebliebenen sowie den auf der Grundlage der kleinen Warenproduktion neu entstehenden Kapitalismus.
Die Arbeit ist in Rußland insofern kommunistisch vereint, als erstens das Privateigentum an den Produktionsmitteln abgeschafft ist und zweitens die proletarische Staatsmacht in gesamtnationalem Maßstab die Großproduktion auf staatlichem Grund und Boden und in staatlichen Betrieben organisiert, die Arbeitskräfte auf die verschiedenen Wirtschaftszweige und Betriebe aufteilt und die dem Staat gehörenden Konsumtionsmittel im großen Rahmen unter die Werktätigen verteilt.
Wir sprechen von den „ersten Schritten“ des Kommunismus in Rußland (wie es auch in unserem im März 1919 angenommenen Parteiprogramm heißt), denn alle diese Bedingungen sind bei uns nur zum Teil verwirklicht, oder mit anderen Worten: die Verwirklichung dieser Bedingungen befindet sich erst im Anfangsstadium. Auf einmal, mit einem revolutionären Schlag wurde getan, was überhaupt auf einmal getan werden konnte: zum Beispiel wurde gleich am ersten Tag der Diktatur des Proletariats, am 26. Oktober 1917 (8. November 1917), das Privateigentum an Grund und Boden ohne Entschädigung der großen Eigentümer abgeschafft, wurden die großen Grundeigentümer expropriiert. Im Laufe einiger Monate wurden, ebenfalls ohne Entschädigung, fast alle Großkapitalisten, Besitzer von Fabriken und Werken, Aktiengesellschaften, Banken, Eisenbahnen usw. expropriiert. Die staatliche Organisation der Großproduktion in der Industrie, der Übergang von der „Arbeiterkontrolle“ zur „Arbeiterverwaltung“ der Fabriken, Werke und Eisenbahnen – das ist in den Haupt- und Grundzügen bereits verwirklicht, aber in der Landwirtschaft ist es eben erst in Angriff genommen worden („Sowjetwirtschaften“, vom Arbeiterstaat auf staatlichem Grund und Boden organisierte Großwirtschaften). Ebenso ist die Organisierung von verschiedenartigen Genossenschaften der kleinen Landwirte als Übergang vom warenproduzierenden Kleinbetrieb in der Landwirtschaft zur kommunistischen Landwirtschaft eben erst begonnen worden.1 Dasselbe muß von der staatlichen Organisation der Verteilung der Erzeugnisse an Stelle des Privathandels gesagt werden, d. h. von der staatlichen Beschaffung und Lieferung des Getreides in die Städte, der Industrieerzeugnisse ins Dorf. Weiter unten werden die hierzu vorliegenden statistischen Angaben angeführt.
Die Bauernwirtschaft besteht nach wie vor als kleine Warenproduktion. Hier haben wir eine außerordentlich breite und sehr tief und fest wurzelnde Basis des Kapitalismus. Auf dieser Basis erhält sich der Kapitalismus und entsteht er aufs neue – in erbittertem Kampf gegen den Kommunismus. Die Formen dieses Kampfes: Schleichhandel und Spekulation gegen die staatliche Beschaffung des Getreides (wie auch anderer Produkte) und überhaupt gegen die staatliche Verteilung der Produkte.
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Um diese abstrakten theoretischen Sätze zu illustrieren, wollen wir konkrete Daten anführen.
Die staatliche Getreidebeschaffung in Rußland erbrachte nach den Angaben des Volkskommissariats für Ernährungswesen vom 1. August 1917 bis zum 1. August 1918 etwa 30 Millionen Pud, im folgenden Jahr etwa 110 Millionen Pud. Die ersten drei Monate der nächsten Beschaffungskampagne (1919/1920) erbringen wahrscheinlich etwa 45 Millionen Pud, gegenüber 37 Millionen Pud in denselben Monaten (August-Oktober) des Jahres 1918.
Diese Zahlen reden deutlich von einer langsamen, aber ständigen Besserung der Lage im Sinne des Sieges des Kommunismus über den Kapitalismus. Diese Besserung wird erreicht trotz der beispiellosen Schwierigkeiten, die der Bürgerkrieg mit sich bringt, den die russischen und ausländischen Kapitalisten unter Anspannung aller Kräfte der mächtigsten Staaten der Welt organisieren.
Wie die Bourgeois aller Länder und ihre offenen und verkappten Helfershelfer (die „Sozialisten“ der II. Internationale) daher auch lügen und uns verleumden mögen, eines steht außer Zweifel: Vom Standpunkt des ökonomischen Hauptproblems der Diktatur des Proletariats ist der Sieg des Kommunismus über den Kapitalismus bei uns gesichert. Die Bourgeoisie der ganzen Welt tobt und wütet ja gerade darum gegen den Bolschewismus, organisiert militärische Invasionen, Verschwörungen und ähnliches gegen die Bolschewiki, weil sie ausgezeichnet versteht, daß unser Sieg bei der Umgestaltung der gesellschaftlichen Wirtschaft unvermeidlich ist, wenn man uns nicht durch militärische Gewalt erdrückt. Und uns auf diese Weise zu erdrücken, gelingt ihr nicht.
Inwieweit wir den Kapitalismus in der kurzen Frist, die uns zur Verfügung stand, und bei den beispiellosen Schwierigkeiten, unter denen wir arbeiten mußten, schon besiegt haben, ist aus den folgenden zusammenfassenden Zahlen ersichtlich. Die Statistische Zentralverwaltung hat so eben Angaben über die Getreideproduktion und -konsumtion zur Veröffentlichung vorbereitet, allerdings nicht für ganz Sowjetrußland, sondern für 26 Gouvernements.
Es ergaben sich folgende Zahlen:
| 26 Gouvernements Sowjetrusslands | Bevölkerung (in Millionen) | Produktion von Getreide (ohne Saatgut und Futtergetreide) (in Mill. Pud) | Getreide geliefert | Gesamtmenge des Getreides, über das die Bevölkerung verfügte (in Mill. Pud) | Getreide-verbrauch pro Kopf (in Pud) | |
| durch das Volkskommissariat für Ernährungswesen | durch Schieber | |||||
| in Mill. Pud | ||||||
| Überschussgouvernements Zuschussgouvernements | Städte 4,4 Dörfer 28,6 Städte 5,9 Dörfer 13.8 | — 625,4 — 114,0 | 20,9 — 20,0 12,1 | 20,6 — 20,0 27,8 | 41,5 481,8 40,0 151,4 | 9,5 16,9 6,8 11,0 |
| Insgesamt (26 Gouvernements) | 52,7 | 739,4 | 53,0 | 68,4 | 714,7 | 13,6 |
Also erhalten die Städte ungefähr die Hälfte des Brotgetreides durch das Volkskommissariat für Ernährungswesen, die andere Hälfte durch Schieber. Eine genaue Untersuchung der Ernährung der Arbeiter in den Städten im Jahre 1918 ergab die gleiche Proportion. Dabei zahlt der Arbeiter für das vom Staat gelieferte Brot ein Zehntel des Preises, den er den Schiebern zahlt. Der Schwarzhandelspreis des Brotes ist zehnmal so hoch wie der staatliche Preis. Das geht aus der genauen Untersuchung der Arbeiterbudgets hervor.
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Die angeführten Zahlen ergeben bei näherer Betrachtung ein präzises Material, das alle Hauptmerkmale der gegenwärtigen Ökonomik Rußlands widerspiegelt. Die Werktätigen sind von den Gutsbesitzern und Kapitalisten, von denen sie jahrhundertelang unterdrückt und ausgebeutet wurden, befreit. Dieser Schritt vorwärts zur wahren Freiheit und zur wahren Gleichheit, ein Schritt, der seiner Großartigkeit, seinen Ausmaßen und seiner Schnelligkeit nach in der Welt ohnegleichen ist, wird von den Anhängern der Bourgeoisie (einschließlich der kleinbürgerlichen Demokraten) nicht in Betracht gezogen; sie reden von Freiheit und Gleichheit im Sinne der parlamentarischen bürgerlichen Demokratie, wobei sie diese verlogenerweise als „Demokratie“ überhaupt oder als „reine Demokratie“ (Kautsky) hinstellen.
Den Werktätigen geht es aber gerade um die wahre Gleichheit, die wahre Freiheit (die Freiheit von den Gutsbesitzern und den Kapitalisten), und darum treten sie so fest für die Sowjetmacht ein.
In unserem Bauernland waren es die Bauern schlechthin, die von der Diktatur des Proletariats als erste, am meisten und auf einen Schlag Vorteile gehabt haben. Unter den Gutsbesitzern und Kapitalisten hat der Bauer in Rußland gehungert. In den langen Jahrhunderten unserer Geschichte hat der Bauer noch nie die Möglichkeit gehabt, für sich zu arbeiten: Er hungerte und gab Hunderte Millionen Pud Getreide an die Kapitalisten, an die Städte und an das Ausland ab. Unter der Diktatur des Proletariats geschah es zum erstenmal, daß der Bauer für sich arbeitete und daß er sich besser ernährte als der Städter. Zum erstenmal lernte der Bauer wirkliche Freiheit kennen: die Freiheit, sein eigenes Brot zu essen, die Freiheit vom Hunger. Bei der Verteilung des Bodens herrscht jetzt bekanntlich maximale Gleichheit: in den weitaus meisten Fällen teilen die Bauern den Grund und Boden „nach Essern“ auf.
Sozialismus ist Abschaffung der Klassen.
Um die Klassen abzuschaffen, muß man erstens die Gutsbesitzer und die Kapitalisten stürzen. Diesen Teil der Aufgabe haben wir erfüllt, aber das ist nur ein Teil und nicht einmal der schwierigste. Um die Klassen abzuschaffen, muß man zweitens den Unterschied zwischen Arbeitern und Bauern aufheben, muß man alle zu Arbeitenden machen. Das kann nicht auf einmal geschehen. Das ist eine unvergleichlich schwierigere und notwendigerweise langwierige Aufgabe. Das ist eine Aufgabe, die sich nicht durch den Sturz irgendeiner Klasse lösen läßt. Sie ist nur durch die organisatorische Umgestaltung der ganzen gesellschaftlichen Wirtschaft, durch den Übergang von der einzelnen, isolierten warenproduzierenden Kleinwirtschaft zur gesellschaftlichen Großwirtschaft zu lösen. Ein solcher Übergang ist notwendigerweise außerordentlich langwierig. Einen solchen Übergang kann man durch übereilte und unvorsichtige administrative und gesetzgeberische Maßnahmen nur verlangsamen und erschweren. Dieser Übergang kann nur dadurch beschleunigt werden, daß man dem Bauern eine Hilfe gewährt, die ihm die Möglichkeit gibt, die gesamte Landwirtschaft in riesigem Ausmaß zu verbessern, sie von Grund aus umzugestalten.
Um den zweiten, den schwierigeren Teil der Aufgabe zu lösen, muß das Proletariat, nachdem es die Bourgeoisie besiegt hat, in seiner Politik gegenüber der Bauernschaft unbeirrt folgende Hauptlinie durchführen: Das Proletariat muß zwischen dem werktätigen Bauern und dem bäuerlichen Eigentümer, zwischen dem arbeitenden Bauern und dem bäuerlichen Händler, zwischen dem Bauern, der von seiner Hände Arbeit lebt, und dem bäuerlichen Spekulanten einen Unterschied machen, eine Grenze ziehen.
In dieser Abgrenzung liegt das ganze Wesen des Sozialismus.
Und es ist kein Wunder, daß solche Leute, die den Worten nach Sozialisten, in der Tat aber kleinbürgerliche Demokraten sind (die Martow und Tschernow, die Kautsky und Co.), dieses Wesen des Sozialismus nicht begreifen.
Die Abgrenzung, um die es sich hier handelt, ist sehr schwierig, denn im lebendigen Leben sind alle Eigenschaften des „Bauern“, so verschieden, so widerspruchsvoll sie auch sein mögen, zu einem Ganzen verschmolzen. Aber trotzdem ist eine Abgrenzung möglich und nicht nur möglich, sondern sie ergibt sich unvermeidlich aus den Bedingungen der bäuerlichen Wirtschaft und des bäuerlichen Lebens. Der werktätige Bauer wurde von den Gutsbesitzern, den Kapitalisten, den Händlern, den Spekulanten und ihrem Staat, auch in den demokratischsten bürgerlichen Republiken, jahrhundertelang unterdrückt. Der werktätige Bauer hat im Laufe von Jahrhunderten Haß und Feindseligkeit gegen diese Unterdrücker und Ausbeuter in sich großgezogen, und diese „Erziehung“ durch das Leben zwingt den Bauern, das Bündnis mit dem Arbeiter gegen den Kapitalisten, gegen den Spekulanten, gegen den Händler zu suchen. Zugleich aber machen die ökonomischen Verhältnisse, die Verhältnisse der Warenwirtschaft, den Bauern unvermeidlich (nicht immer, aber in den allermeisten Fällen) zum Händler und Spekulanten.
Die von uns oben angeführten statistischen Daten zeigen anschaulich den Unterschied zwischen dem werktätigen Bauern und dem bäuerlichen Spekulanten. Der Bauer, der im Jahre 1918/1919 für die hungernden Arbeiter der Städte 40 Millionen Pud Getreide zu festen, staatlichen Preisen an die Staatsorgane ablieferte, trotz aller Mängel dieser Organe, deren sich die Arbeiterregierung sehr wohl bewußt ist, die aber in der ersten Zeit des Übergangs zum Sozialismus nicht beseitigt werden können – dieser Bauer ist ein werktätiger Bauer, ein vollberechtigter Genosse des sozialistischen Arbeiters, sein zuverlässigster Verbündeter, sein leiblicher Bruder im Kampf gegen das Joch des Kapitals. Jener Bauer aber, der unter der Hand 40 Millionen Pud Getreide zu einem zehnmal höheren als dem vom Staat festgesetzten Preis verkaufte, der die Not und den Hunger des Arbeiters in der Stadt ausnutzte, den Staat betrog, überall Betrug, Raub, Gaunerstreiche verübte und förderte – jener Bauer ist ein Spekulant, ein Verbündeter des Kapitalisten, ein Klassenfeind des Arbeiters, ein Ausbeuter. Denn Überschüsse an dem Getreide haben, das auf staatlichem Grund und Boden mit Geräten geerntet wurde, zu deren Herstellung in diesem oder jenem Maße die Arbeit nicht nur des Bauern, sondern auch des Arbeiters usw. beigetragen hat – Überschüsse an Getreide haben und damit spekulieren heißt ein Ausbeuter des hungernden Arbeiters sein.
Ihr verletzt Freiheit, Gleichheit und Demokratie, schreit man uns von allen Seiten zu und verweist dabei auf die Ungleichheit zwischen Bauer und Arbeiter in unserer Verfassung, auf die Auseinanderjagung der Konstituante, auf die gewaltsame Wegnahme der Getreideüberschüsse usw. Wir antworten: Es hat in der Welt noch keinen Staat gegeben, der soviel getan hat zur Beseitigung jener tatsächlichen Ungleichheit und jener tatsächlichen Unfreiheit, unter denen der werktätige Bauer jahrhundertelang gelitten hat. Doch eine Gleichheit mit dem bäuerlichen Spekulanten werden wir niemals anerkennen, ebensowenig wie wir eine „Gleichheit“ des Ausbeuters mit dem Ausgebeuteten, des Satten mit dem Hungrigen, die „Freiheit“ des einen, den anderen auszuplündern, anerkennen werden. Und jene gebildeten Leute, die diesen Unterschied nicht verstehen wollen, werden wir wie Weißgardisten behandeln, auch wenn sie sich Demokraten, Sozialisten, Internationalisten, Kautsky, Tschernow oder Martow nennen.
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Sozialismus ist Abschaffung der Klassen. Die Diktatur des Proletariats hat für diese Abschaffung alles getan, was sie tun konnte. Aber auf einen Schlag kann man die Klassen nicht abschaffen.
Und die Klassen sind geblieben und werden für die Dauer der Epoche der Diktatur des Proletariats bestehenbleiben. Die Diktatur wird nicht mehr gebraucht werden, wenn die Klassen verschwunden sind. Sie werden nicht verschwinden ohne die Diktatur des Proletariats.
Die Klassen sind geblieben, aber jede Klasse hat sich in der Epoche der Diktatur des Proletariats verändert; auch ihr Verhältnis zueinander hat sich verändert. Der Klassenkampf verschwindet nicht unter der Diktatur des Proletariats, sondern nimmt nur andere Formen an.
Das Proletariat war unter dem Kapitalismus eine unterdrückte Klasse, eine Klasse, die über keinerlei Eigentum an Produktionsmitteln verfügte, war die einzige Klasse, die unmittelbar und in ihrer Gesamtheit der Bourgeoisie entgegengestellt und darum als einzige fähig war, bis zur letzten Konsequenz revolutionär zu sein. Das Proletariat ist, nachdem es die Bourgeoisie gestürzt und die politische Macht erobert hat, zur herrschenden Klasse geworden: Es hält die Staatsmacht in Händen, es verfügt über die schon vergesellschafteten Produktionsmittel, es führt die schwankenden, eine Zwischenstellung einnehmenden Elemente und Klassen, es unterdrückt den verstärkten Widerstand der Ausbeuter. Das alles sind besondere Aufgaben des Klassenkampfes, Aufgaben, die das Proletariat früher nicht stellte und nicht stellen konnte.
Die Klasse der Ausbeuter, der Gutsbesitzer und Kapitalisten, ist unter der Diktatur des Proletariats nicht verschwunden und kann nicht auf einmal verschwinden. Die Ausbeuter sind geschlagen, aber nicht vernichtet. Ihnen ist die internationale Basis geblieben, das internationale Kapital, dessen Filiale sie sind. Ihnen sind zum Teil gewisse Produktionsmittel geblieben, ist Geld geblieben, sind weitverzweigte gesellschaftliche Verbin- dungen geblieben. Ihr Widerstand ist gefade infolge ihrer Niederlage hundertmal, tausendmal stärker geworden. Die „Kunst“ der Staats-, Militär- und Wirtschaftsverwaltung verleiht ihnen eine riesige Überlegenheit, so daß ihre Bedeutung unvergleichlich größer ist als ihr Anteil an der Gesamtzahl der Bevölkerung. Der Klassenkampf der gestürzten Ausbeuter gegen die siegreiche Avantgarde der Ausgebeuteten, d. h. gegen das Proletariat, ist ungleich erbitterter geworden. Und das kann nicht anders sein, wenn man von der Revolution spricht, wenn man nicht an Stelle dieses Begriffs reformistische Illusionen unterschieben will (wie das alle Helden der II. Internationale tun).
Schließlich nimmt die Bauernschaft, wie das ganze Kleinbürgertum überhaupt, auch unter der Diktatur des Proletariats eine mittlere, eine Zwischenstellung ein: einerseits ist das eine ziemlich bedeutende (und im rückständigen Rußland ungeheuer große) Masse von Werktätigen, die durch das gemeinsame Interesse der Werktätigen, sich vom Gutsbesitzer und vom Kapitalisten zu befreien, vereinigt wird; anderseits sind es isolierte Kleinunternehmer, Eigentümer und Händler. Diese ökonomische Stellung läßt sie unvermeidlich zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie hin und her schwanken. Und angesichts des verschärften Kampfes zwischen diesen beiden, angesichts der unerhört schroffen Umwälzung aller gesellschaftlichen Verhältnisse, angesichts des zähen Festhaltens gerade der Bauern und der Kleinbürger überhaupt am Alten, Schablonenhaften, Althergebrachten, ist es natürlich, daß es bei ihnen unvermeidlich Fälle des Hinüberwechselns von einer Seite zur anderen, Schwankungen, Wendungen, Unsicherheit usw. geben wird. Gegenüber dieser Klasse – oder diesen gesellschaftlichen Elementen – besteht die Aufgabe des Proletariats darin, sie zu führen, Einfluß auf sie zu gewinnen. Die Schwankenden, Unbeständigen führen – das ist es, was das Proletariat tun muß.
Vergleichen wir alle Hauptkräfte oder -Klassen und ihr durch die Diktatur des Proletariats verändertes Verhältnis zueinander, so sehen wir, wie grenzenlos unsinnig in theoretischer Hinsicht, wie borniert die landläufige, kleinbürgerliche Vorstellung vom Übergang zum Sozialismus „über die Demokratie“ schlechthin ist, die wir bei allen Vertretern der II. Internationale finden. Das von der Bourgeoisie ererbte Vorurteil vom absoluten, nicht klassenmäßig bestimmten Inhalt der „Demokratie“ – das ist die Quelle dieses Fehlers. In Wirklichkeit geht aber auch die Demokratie unter der Diktatur des Proletariats in eine völlig neue Phase über, und der Klassenkampf erhebt sich auf eine höhere Stufe, wobei er sich alle Formen unterordnet.
Allgemeine Phrasen über Freiheit, Gleichheit und Demokratie sind in Wirklichkeit gleichbedeutend mit der gedankenlosen Wiederholung von Begriffen, die eine Ableitung aus den Verhältnissen der Warenproduktion sind. Mit Hilfe dieser allgemeinen Phrasen die konkreten Aufgaben der Diktatur des Proletariats lösen wollen heißt auf der ganzen Linie auf die theoretische, prinzipielle Position der Bourgeoisie übergehen. Vom Standpunkt des Proletariats steht die Frage nur so: Freiheit von der Unterdrückung durch welche Klasse? Gleichheit welcher Klasse mit welcher? Demokratie auf dem Boden des Privateigentums oder auf der Basis des Kampfes für die Abschaffung des Privateigentums? Usw.
Engels hat schon längst im „Anti-Dühring“ klargestellt, daß sich der Begriff der Gleichheit als Ableitung aus den Verhältnissen der Warenproduktion in ein Vorurteil verwandelt, wenn man die Gleichheit nicht im Sinne der Abschaffung der Klassen versteht. Diese Binsenwahrheit über den Unterschied zwischen dem bürgerlich-demokratischen und dem sozialistischen Begriff der Gleichheit wird immer wieder außer acht gelassen. Zieht man sie aber in Betracht, so wird offenbar, daß das Proletariat, das die Bourgeoisie stürzt, damit den entscheidenden Schritt zur Abschaffung der Klassen tut und, um das zu vollenden, seinen Klassenkampf fortsetzen muß, indem es den Apparat der Staatsmacht ausnutzt und gegenüber der gestürzten Bourgeoisie und dem schwankenden Kleinbürgertum verschiedene Methoden des Kampfes, der Beeinflussung und der Einwirkung anwendet.
(Fortsetzung folgt)*(endnote: Der Artikel bleibt unvollendet.)
30.X.1919
Nach dem Manuskript
„Prawda“ Nr. 250,
7.November 1919.
Unterschrift: N. Lenin.
Bearbeitungshinweis
Oben stehender Text wurde aus frei zugänglichen Onlinequellen mit der Buchausgabe „Lenin Werke, Band 30, Dietz Verlag Berlin 1. Auflage 1961, S. 91-101“ abgeglichen. Hervorhebungen, Fußnoten und erläuternde Ergänzungen haben wir stillschweigend übernommen. Wir können trotz besten Wissens und Gewissens keine Gewähr übernehmen. Wir halten es trotzdem für wichtig, niederschwellige und thematisch ausgewählte Klassikertexte zum Selbstdruck und -verbreitung zur Verfügung zu stellen.
„Unsere Theorie ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln.“ – Engels
1Die Zahl der „Sowjetwirtschaften“ und der „landwirtschaftlichen Kommunen“ in Sowjetrußland beträgt ungefähr 3536 bzw. 1961, die Zahl der landwirtschaftlichen Artels 3696. Unsere Statistische Zentralverwaltung nimmt gegenwärtig eine genaue Zählung aller Sowjetwirtschaften und Kommunen vor. Die ersten Ergebnisse werden im November 1919 vorliegen.
